Wirtschaft : Für eine Kokosnuss

Indiens mächtige Kasten trotzen der Globalisierung – immer noch werden Kleinkinder zwangsverheiratet

John Lancaster[Himatnagar (Indien)]

Wie viele Frauen in ländlichen Gebieten Indiens wurde Savita Chaudhry schon als Kind verheiratet. Als Dreijährige vermählte man sie mit einem fünfjährigen Jungen und schickte sie dann erst einmal zum Heranwachsen zurück nach Hause. Nach dem Willen ihrer Dorfgemeinschaft, sollten die beiden zusammenziehen, sobald sie erwachsen sind. Niemand ahnte, dass sich die heute 22-Jährige diesem Befehl einmal widersetzen würde.

Im vergangenen Jahr weigerte sich Savita Chaudhry, bei ihrem Ehemann und seiner Familie einzuziehen. Der Preis für ihre Freiheit ist hoch: Der Dorfrat, ein inoffizielles, aber mächtiges Gremium, drohte Chaudhrys Familie mit dem Ausschluss aus der Kaste. Dies käme dem Ausstoß aus der Gesellschaft gleich und würde nicht zuletzt die Heiratsaussichten von Chaudhrys 18-jährigem Bruder erheblich beeinträchtigen.

„Wenn die Familie ihre Verpflichtung nicht anerkennt, wird die Gesellschaft sie ächten“, sagt Bhawar Lal, ein Mitglied des Kastenrates, der die Entscheidung des Falles beansprucht. „Sie hat noch nicht einmal einen Tag mit dem Bräutigam zusammengelebt – und beschwert sich schon über ihn. Damit hat sie ein schlechtes Beispiel gesetzt.“

Das Dilemma der jungen Frau zeigt die anhaltende Macht des indischen Kastenwesens. Die strenge soziale Ordnung ist untrennbarer Teil des hinduistischen Glaubens. Selbst die Kräfte der Modernisierung wie Globalisierung und rapides Wirtschaftswachstum haben daran nichts geändert.

Der Fall macht auch deutlich, welche Bedeutung die Ältestenräte noch immer in der indischen Gesellschaft haben. In weiten Teilen des Landes existieren diese nicht gewählten Gremien parallel zur staatlichen Gerichtsbarkeit. Sie nehmen Einfluss besonders bei Familiensachen wie Ehe- und Erbschaftsfragen.

Seit Jahrhunderten sind die meist aus fünf Männern bestehenden Dorfräte die Schiedsrichter in allen Lebensfragen in Indiens ländlichen Gebieten. Nach Erlangung der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht im Jahr 1947 setzte die indische Zentralregierung vor allem auf gewählte Dorfvertretungen, um die Macht der Dorfältesten zu beschneiden. In diesen modernen Gemeinderäten gibt es auch Quoten für benachteiligte Gruppen wie Frauen und Kastenlose. Zuletzt haben auch Verstädterung und eine verbesserte Bildung die Stellung der Ältestenräte geschwächt.

Trotzdem sind wesentliche Fragen des dörflichen Zusammenlebens noch immer fest im Griff der Dorfältesten. Experten führen dies auch auf den Einfluss vieler Politiker zurück, die sich von den Räten bei Wahlen regelmäßig ganze Blöcke von Stimmen liefern lassen. Zirka zwei Drittel von Indiens Milliarden-Bevölkerung leben in dörflichen Gemeinschaften und unterliegen den strengen Kastenpflichten.

„Alles was mit Haushalt und Familie zusammenhängt, wird noch immer von den Dorfräten kontrolliert“, sagt Ranjana Kumari, Leiter des Zentrums für Sozialkunde in Neu-Delhi. „Es ist ein undemokratisches, sehr patriarchalisches und extrem hierarchisches System, das abgeschafft werden sollte.“

Savita Chaudhry wuchs als eines von drei Geschwistern in Himatnagar auf, einer Industriestadt von 100000 Einwohnern im Bundesstaat Gujarat. Doch ihre Eltern stammen aus einer Bauernkaste aus dem benachbarten Staat Rajasthan. Nach Abschluss der Schule arbeitete sie im Lebensmittelladen ihres Vaters und übernahm das Geschäft nach dessen Tod im vergangenen Jahr. Wie viele Inder, die aus ländlichen Gegenden in die Stadt ziehen, hat die Familie noch immer Bindungen zum elterlichen Dorf und zur örtlichen Kaste.

Der jetzige Streit hat seinen Ursprung in einem Ereignis aus Chraudrys frühester Kindheit. Einer ihrer Großväter schlug eines Tages einem Nachbarn vor, „lass uns deinen Enkel mit meiner Enkelin verheiraten“, so schildert Chaudhry die Geschichte abschätzig. Der Großvater besiegelte dann die Absprache, indem er der Familie des Jungen eine Kokosnuss überreichte. An einem hinduistischen Feiertag im Jahr 1985 wurden die Minderjährigen vor einem Hindu-Priester vermählt – gleichzeitig mit 26 anderen Kindern des Dorfes. Obwohl Kinder- Hochzeiten in Indien offiziell verboten sind, werden sie in Rajasthan und anderen Bundesstaaten auch heute noch häufig praktiziert.

Zum symbolischen Vollzug der Ehe verbrachte das verstörte Kleinkind dann eine Nacht im Haus der Familie ihres Bräutigams. „Ich halte mich nicht für verheiratet“, sagt Savita Chaudhry heute. „Ich war drei Jahre alt, alles war mehr wie ein Spiel als eine Hochzeit.“ Vor zwei Jahren wollte sie Pappu, ihren Bräutigam aus Kindestagen, näher kennen lernen. Sie besuchte ihn in Bangalore, wo er in einem Textilgeschäft arbeitete. Doch das Wiedersehen war ein Reinfall.

Gleich zur Begrüßung wollte Pappu, dass Chaudhry für ihn umgerechnet 1455 Euro von ihrem Vater borgt. Außerdem beklagte er sich, dass Chaudhry ihr Haar in seiner Gegenwart nicht verhüllt hat. „Er sah ja recht gut aus, aber was er da sagte, ergab keinen Sinn“, erinnert sich Chaudhry.

Kurz darauf zerriss Chaudhry das Foto von Pappu und eröffnete ihren Eltern, dass sie nicht bei ihm einziehen werde. Doch die Familie des Bräutigams bestand auf dem Eheversprechen und brachte die Sache vor den Ältestenrat.

„Es war nicht leicht, Bräute für meine drei Söhne zu finden“, sagt Pappus Mutter Kelki Devi. „Wir wollten den Dorfrat nicht einschalten, aber was bleibt uns übrig?“ Die Ältesten gaben der Familie des Bräutigams Recht und verwiesen die Sache an den Kastenrat in Chaudhrys Heimatort. Im letzten Monat bestellten die Kastenchefs Chaudhrys Mutter vor das Gremium und drohten ihr mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. „Die Familie muss verstehen, dass man Beziehungen nicht einfach abbrechen kann“, sagt der 38-jährige Ratsvertreter Lai.

Doch gerade dies hat Savita Chaudhry vor, nicht zuletzt, weil sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. „Das ist sehr unfair“, sagt sie. „Ich bin schließlich nicht deren Nutztier.“

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