Wirtschaft : Für jeden Erstklässler einen PC

Paulo Prada

Dank Bürgermeister Peter Brixtofte gibt es für alle Babys der Stadt eine kostenlose Tagesbetreuung, sobald sie sechs Monate alt sind. Jeder Erstklässler bekommt einen PC auf den heimischen Schreibtisch. Und die Siebtklässler? Für die gab es im vergangenen Jahr Studienreisen in die Türkei. Für die älteren Bürger fallen die Wohltaten sogar noch großzügiger aus: Die Über-67-Jährigen fahren jeden Winter für zwei Wochen in die Türkei oder auf die Kanarischen Inseln. Welcher Senior das nicht kann, weil er im Rollstuhl sitzt, der reist in Begleitung von Krankenschwestern an die dänische Küste. Die Rechnung übernimmt jeweils die Stadt - selbst bei Farumborgern mit dickem Bankkonto.

Sie hätten die kostenlose Reise als "ungerecht" empfunden, sagt der pensionierte Pilot Jorgen Christensen, der mit seiner Frau im vergangenen Jahr auf Farums Kosten nach Gran Canaria flog und dort Geschmack an Rioja-Wein und Bingo fand. Aber der Bürgermeister habe gesagt "Sie haben ihre Steuern bezahlt und verdienen es, diese Reise zu machen".

Bürgermeister Brixtofte - oder König Peter, wie er in Dänemark genannt wird - erprobt in der Stadt mit den 18 700 Einwohnern ein neues Wohlfahrtssystem, wie er sagt. Mit Kosteneinsparungen und Outsourcing im amerikanischen Stil finanziert er soziale Wohlfahrtsleistungen, die selbst für skandinavische Verhältnisse üppig sind. Während seiner 16-jährigen Regentschaft hat König Peter die Müllmänner gefeuert und lässt den Müll durch billigere Privatunternehmen beseitigen, er hat weiterhin zahlreiche öffentliche Gebäude verkauft und die Steuern auf ein Niveau gesenkt, das nun drei Prozent unter dem Landesdurchschnitt liegt. "Mehr Wohlfahrt zu geringeren Kosten", nennt er sein Programm.

Und doch dürfte etwas faul sein im Staate Dänemark. Der dänische Innenminister nahm sich im vergangenen Monat der Finanzen von Farum an. Das Betrugsdezernat prüft nun, ob der 52-jährige Bürgermeister städtische Vermögenswerte verschleudert und Kredite zweckentfremdet hat. Bislang wurde gegen Brixtofte keine Anklage erhoben und die Ermittler glauben auch nicht, dass er in die eigene Tasche gewirtschaftet hat. Er dürfte die Mittel vielmehr darauf verwendet haben, seine üppigen Wohlfahrtsleistungen zu finanzieren - und seine nächsten große Ideen; zum Beispiel den Farumer Fußballklub auf Vordermann zu bringen.

"Der Bürgermeister hat die ganze Gemeinde verkauft und das Geld für seine Fantasien ausgegeben", sagt Helene Lund von der Oppositionspartei im Stadtrat. Sie rechnet damit, dass der Rat schon in wenigen Tagen über eine Amtsenthebung des Bürgermeisters abstimmen wird. Anschuldigungen aus der Presse haben Brixtofte nämlich inzwischen den Boden unter den Füßen weggerissen. Prompt ließ er sich für drei Monate krank schreiben und flog im vergangenen Monat auf die Kanarischen Inseln, um mit seinen größten Unterstützern - den Rentern von Farum - zu sprechen. Dort tankte er rasch neue Energie auf. Schon nach fünf Tagen erklärte er allerdings, wieder fit zu sein und reiste nach Farum zurück, um die Anschuldigungen zurückzuweisen.

"Meine Gegner denken, der König ist gestürzt", sagt Bürgermeister Brixtofte. Und er findet, er habe nichts Unmoralisches oder Illegales getan. Dänische Ermittlungsbeamten durchsuchten derweil Anfang Februar das Haus von Bixtofte. Sie suchten nach Beweisen, dass er über private Auftragnehmer der Stadt Gelder an den Fußballklub Farum Boldklub geschleust hat.

Obwohl der Verein zweitrangig ist, kassiert er mehr Sponsorgelder von Unternehmen als einige der wohlhabendsten und besten Klubs Dänemarks. Die Ermittler überprüfen nun außerdem, ob das Reisebüro Alletiders Rejser, das Senioren-Urlaube organisiert hat, von der Stadt zu viele Gelder erhalten und einen Teil der Einnahmen an das Fußballteam zurückgespielt hat. Ferner kontrollieren sie auch die Baufinanzierung des 10 000 Sitze großen Fußballstadiums. Die Kontrolleure wollen wissen, ob ein Teil der umgerechnet 60,6 Millionen Euro an Krediten, die der Bürgermeister im vergangenen Jahr für die Sicherung der Zahlungsfähigkeit von Farum erhalten hat, an das Fußballteam oder in das Stadium geflossen sind.

Der Mann, der jetzt im Kreuzfeuer der Kritik steht, war Anfang der 80er Jahre einer der jungen Stars der dänischen rechtsliberalen Venstre-Partei. Weil ihm klar war, dass er in der Politik niemals ganz nach oben kommen würde, verließ er Kopenhagen und ging ins 19 Kilometer entfernte Farum. Dort verhalf ihm seine Popularität 1986 zum Amt des Bürgermeisters. Während dänische Politiker häufig wie Bankers aussehen und sich so würdevoll wie hohe Richter aufführen, schlendert König Peter in Farum heutzutage in seinem Lieblings-Jogginganzug herum, teilt Küsse aus und ruft Wähler beim Vornamen.

Die Arbeit von Brixtofte, der in einem bescheidenen, einstöckigen Haus lebt, zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Die Bertelsmann-Stiftung führte Farum 1995 neben der US-amerikanischen Stadt Phoenix und der isländischen Hauptstadt Reykjavik in ihrer Liste der "Städte von morgen" auf, die sich durch innovatives Management auszeichnen. Doch es gab und gibt auch Kritik.

Lund und andere politische Gegner fragten sich, ob er die städtischen Vermögenswerte für die Finanzierung seiner großen Pläne verkauft hat. Nachdem Brixtofte vor einigen Jahren die Tagesstätten verkauft hatte, schenkte er jedem Zehntklässler einen Compaq Presario Desktop. Und nachdem er das Rathaus und die Kläranlage verkauft hatte, führte er kostenlosen Urlaub für ältere Bürger ein. Mittlerweile gibt die Stadt jetzt jährlich umgerechnet 1,2 Millionen Dollar für Charterreisen von rund 1500 Pensionäre aus. Es sei Teil des Farumer Gesundheitsprogramms, sagt der Bürgermeister. Die Pensionäre verbringen die zwei Wochen mit Aerobics, Computerkursen und Schwimmen in Thermalbädern. Manchmal bekommen sie auch vom Bürgermeister Gesellschaft, der sich zwecks "Qualitätskontrollen" einfliegt, wie er es beschreibt.

Und was sagen die Bürger? Der 69-jährige Farumborger Eigil Sigbrand freute sich, als er im vergangenen Monat von Brixtofte auf den Kanarischen Inseln besucht wurde. "Er konnte nicht viel sprechen, weil ständig sein Handy klingelte", sagt er. "Aber wir waren alle sehr höflich und sagten ihm, dass er sehr viel für unsere kleine Stadt erreicht habe." Aber andere Steuerzahler fürchten, die Steuern könnten steigen, sobald die Ermittler die Farumer Finanzen entwirrt haben. "Dieser Mann hat das Herz der Stadt gebrochen", sagt Paul Wachtell. Der 65-jährige Arzt wurde kürzlich in den Stadtrat gewählt und steht einer außerparteilichen Gruppierung von Bürgern vor, die sich gegen Brixtofte verbündet haben. "Er ist ein Visionär, der den Bezug zur Realität verloren hat."

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