Wirtschaft : Für Klippan nach Poznan

Niedrige Preise locken deutsche Käufer nach Osteuropa – aber Fernseher und Computer sind hier billiger

Gerald Drissner

Berlin – Wegen Billy fährt Helene Endres bis nach Polen. Das Bücherregal von Ikea kostet in Berlin in der Luxus-Ausführung mit zwei Glasvitrinen 533 Euro. Im polnischen Poznan aber, 280 Kilometer von Warschau entfernt, zahlt die Studentin nur 401 Euro – 132 Euro weniger, ein Schnäppchen. Da sie auch ein Bett, Sofa und Lampen kauft, lohnt sich die Fahrt, sie spart mehrere hundert Euro. Shoppen in Osteuropa ist seit dem EU-Beitritt dieser Länder leichter geworden: Keine Zollkontrollen, weniger Behördengänge – die Verbraucher genießen dieselben Rechte wie zu Hause.

Wie viel Geld man bei einer Einkaufstour im Osten sparen kann, hat das Europäische Verbraucherzentrum in Wien nun am Beispiel Ikea errechnet. Die Tester haben die Preise von zehn ausgewählten Produkten europaweit verglichen, vom Sofa (Klippan) bis zur Leuchte (Steneby). Polen schnitt am besten ab, die Möbel kosteten 720,98 Euro. Zum Vergleich: Deutschland lag mit 835,60 Euro im EU-Mittelfeld, Griechenland war mit 999 Euro am teuersten. In Tschechien waren die Möbel für 804,24 Euro zu haben. Was die Verbraucherschützer auch herausfanden: Lampen, Sofas und Betten sind in Polen besonders preiswert.

Wer in Deutschland bauen möchte, kann ebenfalls viel Geld sparen, wenn er das Haus im Ausland kauft. Der tschechische Fertigteilhaus-Hersteller RD Rymarov bietet ein schlüsselfertiges Haus ab 90000 Euro an – 15 Prozent billiger als ein vergleichbares Modell in Deutschland. „Wir produzieren fast alle Teile in Tschechien“, sagt Karl-Heinz Jänike, Geschäftsführer der Berliner Niederlassung. Die Löhne seien niedriger als in Deutschland, deshalb könne günstiger produzt werden. 200 Eigenheime werden jährlich in die Bundesrepublik verkauft, etwa 2000 haben die tschechischen Häuslebauer zwischen Flensburg und München schon aufgestellt.

Wie die Erfahrung der Verbraucherschützer zeigt, kaufen bislang nur wenige Deutsche in Osteuropa ein. „Die Verbraucheranfragen haben seit der Osterweiterung nur leicht zugenommen“, sagt Sybille Kujath von der Europäischen Verbraucherzentrale in Kiel. Die fremde Sprache schrecke noch viele Konsumenten ab. Was zugenommen hat, sind Anfragen zum Autokauf in den neuen Mitgliedsländern, berichten Verbraucherschützer und ADAC. Denn Autos sind in Osteuropa bis zu einem Drittel günstiger. Ein deutscher Autoverkäufer verlangt für einen Skoda Octavia Classic (1,9 TDI, 82 PS) 15939 Euro. Der gleiche Wagen ist in Polen für 10954 Euro zu haben, in Tschechien für 13681 Euro, geht aus einem Preisvergleich des Europäischen Verbraucherzentrums (EVZ) in Gronau hervor. „Der Unterschied ergibt sich aus den unterschiedlichen Steuern, die in den EU-Ländern auf Neuwagen erhoben werden“, erklärt EVZ-Experte Ulrich Mensing. Für die Zulassung in Deutschland ist die so genannte COC-Urkunde (certificate of conformity) nötig; sie ist die europäische Betriebserlaubnis, die eine Abnahme beim TÜV ersetzt.

Doch nicht nur beim Kauf eines Autos, sondern auch bei einer Reparatur lässt sich Geld sparen. Tschechische Werkstätten schalten in grenznahen Zeitungen Anzeigen und bieten eine Arbeitsstunde für 25 Euro an – in Deutschland kostet diese mindestens doppelt so viel. Denn in Tschechien betragen die Stundenlöhne im Durchschnitt weniger als fünf Euro. Deshalb sind auch Dienstleistungen für Deutsche preiswert, ebenso Produkte, die im eigenen Land hergestellt werden. Ein Haarschnitt für Männer kostet in Tschechien und Polen etwa drei Euro. Für eine Gold-Keramik-Krone verlangt ein Zahnarzt in Ungarn 185 Euro, einen Stiftzahn gibt’s für 85 Euro. Den halben Liter Bier bieten Gastwirte in tschechischen Dörfern für 60 Cent an.

Ein Paradies für Schnäppchenjäger – und das könnte noch einige Jahre so bleiben. „Die Preise werden sich nur langsam an das Niveau in Deutschland angleichen. Die tschechische Nationalbank erwartet für die kommenden Jahre lediglich eine Inflationsrate zwischen zwei und 3,5 Prozent“, sagt Andreas Schäfer, Volkswirt bei der deutsch-tschechischen Industrie- und Handelskammer Prag. In Polen hingegen klagen Verbraucher seit dem EU-Beitritt über gestiegene Lebensmittelpreise. Der Preis für Rindfleisch ist um 22 Prozent gestiegen. Reis kostet 28 Prozent mehr, berichtet die polnische Nationalbank.

Aber nicht alles ist billiger in Osteuropa. Haushalts- und Elektrogeräte sind meist sogar teurer, wie ein Vergleich bei Mediamarkt zeigt: So kostet ein Staubsauger in Berlin 43 Euro, in einer polnischen Filiale aber 51 Euro – fast 19 Prozent mehr. „Die Preisunterschiede schwanken je nach Produkt und Land. Schnäppchen gibt es in Osteuropa nur selten“, sagt Mediamarkt-Sprecher Bernhard Taubenberger. Die Mehrwertsteuersätze sind höher; es gibt nur wenige Anbieter, damit kaum Wettbewerb – das erklärt die hohen Preise in Tschechien, Polen und Ungarn. In Grenznähe fahren deshalb viele Osteuropäer nach Deutschland und kaufen Fernseher und Computer, die sind hier billiger sind.

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