Wirtschaft : Für ostdeutsche Frauen ist der Job eher ein Wert an sich

VANESSA LIERTZ

IHW-Studie: Gerade die weibliche Bevölkerung in den neuen Bundesländern übt ihren Beruf nicht um des Einkommens willen aus VANESSA LIERTZ

Für ostdeutsche Frauen gehört der Job auch fast neun Jahre nach der Wende mehr zum Leben als für ihre westdeutschen Mitbürgerinnen.Das verdeutlicht jetzt eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).Danach sind viel mehr ostdeutsche Frauen an einer Arbeit interressiert als westdeutsche, sei es daß sie eine haben oder daß sie eine suchen: Im Jahre 1996 etwa waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 73 Prozent aller ostdeutschen Frauen erwerbstätig, aber nur rund 60 Prozent aller westdeutschen Frauen. Dafür gibt es nach Ansicht des IWH zwei Gründe: Zum einen sei die Stellung der Frau im Berufsleben im Gebiet der ehemaligen DDR traditionell stärker als in den alten Bundesländern.Zum anderen aber betrachteten ostdeutsche Frauen im Vergleich zu ihren westdeutschen Mitbürgerinnen den Beruf mehr als einen "Wert an sich".Viel stärker suchten sie "ihr soziales Umfeld und ihre gesellschaftliche Anerkennung in der Erwerbsarbeit". Erstaunlicherweise spielt das insgesamt niedrigere Einkommensniveau in den neuen Bundesländern nach der Studie des IWH keine dominierende Rolle.Dies dürfe aber nicht so interpretiert werden, betont das Institut, daß die Gehälter in den neuen Bundesländern nicht gebraucht würden.Lediglich ist das Einkommen nach Ansicht des IHW bei der Frage "arbeiten oder nicht" ein untergeordnetes Entscheidungskriterium.Selbst ostdeutsche Frauen mit vergleichsweise niedrigen Gehältern wollen der IHW-Studie zufolge arbeiten.Anders im Westen: Je mehr die Frauen dort verdienen können, desto eher interessieren sie sich für einen Job ­ oder haben einen. Auch die Einkommen der Ehemänner spielen nach Meinung des IHW eine ähnlich unterschiedliche Rolle in den beiden Teilen Deutschlands.Im Westen nahm die Erwerbsbeteiligung der Frauen mit steigendem Einkommen des Partners "deutlich" ab.Hingegen wünschten sich ostdeutsche Frauen einen Job oder hatten einen, unabhängig davon, wieviel ihr Mann verdiente. Wie schon zu DDR-Zeiten sind Kinder und Beruf in den Augen ostdeutsche Frauen offenbar leichter miteinander vereinbar als für ihre westdeutsche Mitbürgerinnen, daran hat sich noch immer nichts geändert: Nach wie vor arbeiten westdeutsche Frauen umso weniger, je mehr Kinder sie haben.Im Gegensatz dazu üben mehr ostdeutsche Frauen einen Beruf aus, egal ob sie Kinder haben oder nicht.Als einen Grund dafür nennt das IHW die außerfamiliäre Kinderbetreuung.Sie sei in den neuen Bundesländern noch immer flächendeckender und kostengünstiger.Außerdem, stellt das IHW fest, ist die gesellschaftliche Akzeptanz von berufstätigen Müttern "wesentlich höher, und die Sozialisationswirkung der vorschulischen Einrichtungen wird allgemein anerkannt". Im Osten wie auch im Westen bestätigt sich darüber hinaus, was Wissenschaftler schon seit Jahren immer wieder betonen: Auch der Bildungsabschluß ist ein Entscheidungskriterium.Je höher (und je länger) die Ausbildung, desto mehr Frauen arbeiten oder wünschen einen Job.Ostdeutsche Frauen mit einem Hochschulabschluß verspüren aber offenbar weniger das Bedürfnis, zu arbeiten.Das IHW vermutet, daß ihr erworbenes Wissen ­ oder Humankapital ­ häufiger durch den Systemwechsel entwertet wurde. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte bereits kurz nach der Wende auf die hohe Erwerbsorientierung der ostdeutschen Frauen hingewiesen, wie DIW-Wissenschaftlerin Elke Holst betont.Schon damals habe ihr Institut prophezeit, "daß da auch keine massiven Rückgänge zu erwarten sind".Gerade nach der Wende wünschten immer mehr Frauen im Westen, einen Job auszuüben.So hätte 1990 noch die Hälfte aller Frauen ohne Job überhaupt nicht mehr arbeiten wollen.Hingegen "waren es 1996 nicht mal drei von 10".

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben