Wirtschaft : Für US-Biotech-Aktien gilt: Big is beautiful

SIEGFRIED HOFMANN/HB

In den vergangenen zwei Jahren war in der amerikanischen Biotech-Industrie eine extrem gespaltene Entwicklung zu beobachten: Während die Spitzenunternehmen der Branche - das sind Firmen mit über 1 Mrd. Dollar Marktkapitalisierung - allein 1998 Kursgewinne von durchschnittlich 76 Prozent verbuchten, verloren Midcap-Werte - 500 Mill. bis eine Mrd. Dollar - sechs Prozent und die Smallcaps mehr als 20 Prozent an Wert. Im ersten Halbjahr 1999 legte die Führungsgruppe um weitere 16 Prozent zu. Im Vergleich dazu wuchsen kleinere Biotechwerte aber nur um rund ein Prozent zu. Sowohl bei Fondsmanagern als auch im Analystenlager überwiegt offenbar weiterhin die Überzeugung, daß die Branchenführer die Nase vorn behalten werden. Diese Unternehmen zeichnen sich durch echte Umsätze, kräftiges Wachstum und schwarze Zahlen aus - auch in der US-Biotechbranche noch immer seltene Attribute. Und selbst nach dem stürmischen Aufwärtstrend der vergangenen 18 Monate ist das Potential der BiotechSchwergewichte noch keineswegs ausgereizt, zeigt sich Jürgen Krebs von der BB Biotech AG, der größten europäischen Beteiligungsgesellschaft mit Fokus auf Biotechnologie, überzeugt.Für diese Sicht der Dinge spricht nicht zuletzt die noch immer relativ moderate Bewertung. Krebs verweist darauf, daß die Big-Cap-Biotech-Unternehmen bei einem erwarteten Ertragswachstum von mehr als 40 Prozent derzeit mit einem 99er Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) von durchschnittlich 35 bewertet werden. Dem steht ein KGV von etwa 40 in der wesentlich langsamer wachsenden US-Pharmabranche gegenüber. Hinzu kommt eine wachsende Übernahmephantasie, nachdem in den vergangenen Monaten Agouron von Warner-Lambert, Alza von Abbott und schließlich Sugen von Pharmacia & Upjohn übernommen wurden. Ganz anders stellt sich dagegen die Situation bei den zahlreichen kleineren Biotech-Unternehmen dar, die sich noch in einer früheren Entwicklungsphase befinden und damit nach herkömmlichen Maßstäben nicht zu bewerten sind. Sie bergen aus Investorensicht weitaus größere Unsicherheit, sowohl in der Produktentwicklung als auch in der Finanzierung. Ernst & Young zufolge verfügte Ende 1998 nahezu die Hälfte der 330 börsennotierten US-Biotech-Unternehmen nur noch über Cash-Reserven für weniger als zwei Jahre. Ohne Anschlußfinanzierung laufen diese Firmen schon in naher Zukunft Gefahr, daß ihnen schlicht das Geld ausgeht. Vor allem diese inhärenten Einzelrisiken sind es, die die Gesamtperformance des Sektors bremsen und ein von Branchenvertretern oft beklagtes Bewertungsparadoxon erzeugen. So wird die gesamte US-Biotechindustrie mit schätzungsweise 130 Mrd. Dollar nach wie vor niedriger bewertet als der Pharmakonzern Merck & Co. Und dies, obwohl sie mehr als viermal soviel in Forschung und Entwicklung investiert und eine weitaus üppigere Entwicklungspipeline vorweisen kann.Allein 220 Biotech-Neuentwicklungen befinden sich nach Schätzung von BB Biotech derzeit in der zulassungsnahen Entwicklungsphase. "Daraus werden signifikante neue Produkte für den Markt hervorgehen", ist Krebs überzeugt. Besonders interessante Anlagemöglichkeiten gibt es daher gerade im Grenzbereich zwischen der ersten und zweiten Biotech-Liga. Bisherige Erfahrungen sprechen dafür, daß der günstige Einstiegszeitpunkt gekommen ist, wenn Unternehmen diese letzten Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen haben. Oder wenn sie die Zulassungsschwelle mit neuen Produkten gerade überschreiten. In den Kreis solcher potentiellen Aufsteiger werden unter anderem Unternehmen wie Aviron, Gilead, Idec, Vertex, Imclone oder Sepracor eingeordnet. Allerdings bleibt zu beachten, daß auch auf dieser Ebene Biotechunternehmen noch nicht völlig vor Rückschlägen gefeit sind.

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