• Für Verbraucherverbände, Hypothekenbanken und Volkswirte wäre eine Zinserhöhung nur eine Rückkehr zur Normalität

Wirtschaft : Für Verbraucherverbände, Hypothekenbanken und Volkswirte wäre eine Zinserhöhung nur eine Rückkehr zur Normalität

Martina Ohm

Für Manfred Westphal ist die Welt ganz in Ordnung. Auch mit höheren Zinsen in Euroland kann der Fachmann für Finanzdienstleistungen von der Bonner Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände leben. Seit Mai, Juni steigen die Zinsen. Eine Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag würde der Marktentwicklung lediglich folgen und die Sätze nicht noch zusätzlich nach oben treiben.

Seit Sommer sind die Renditen festverzinslicher Geldanlagen - kurzfristiger wie langfristiger Papiere - attraktiver geworden. Wer Geld anlegt, bekommt mehr; wer Geld aufnimmt, muss allerdings auch mehr zahlen. Anschaffungen aller Art - für die kleinen oder größeren Dinge des Alltags, etwa für die Wohnung, das Haus oder das Auto - sind durchweg teurer geworden. So sehr, dass die Verbraucherzentrale jedenfalls nicht mit einer weiteren Verteuerung der Kredite rechnet, wenn die EZB ihren Referenzzinssatz von zurzeit 2,5 Prozent erhöht.

Roland Gleisner von der Geschäftsführung der Volkswagen-Bank in Braunschweig bestätigt die Einschätzung: Wer sein Auto bei der VW-Bank finanziert, wird bei höheren Zinsen nicht automatisch stärker zur Kasse gebeten. Laufende Verträge bleiben sowieso unberührt. Und im übrigen pofitiert die Kundschaft von den gängigen Aktionszinsen, die zurzeit zwischen 3,9 Prozent und 6,9 Prozent liegen.

Mehr Vorteile als Nachteile würden höhere Zinsen im Euroraum auch den Urlaubern bringen. Denn höhere Zinsen können den Euro stärken, weil die Gemeinschaftswährung unter Renditegesichspunkten für Anleger interessanter wird. Und wer in seinem Urlaub etwa in die USA oder in die Schweiz fahren möchte, hat bei steigenden Euro-Kursen mehr von seinem Geld. Für einen Euro gibt es dann mehr Dollar oder Schweizer Franken.

Entwarnung gibt auch der Verband der deutschen Hypothenkenbanken in Bonn. Verbandsprecher Franz-Josef Arndt ist sicher: Die Baukonjunktur geht nicht in die Knie. Bauen wird jetzt nicht noch teurer. So kosten Hypothekendarlehen mit einer Laufzeit von fünf Jahren zurzeit im Schnitt 6,1 Prozent, mit einer Laufzeit von zehn Jahren 6,6 Prozent. Das sind jeweils 1,7 Prozentpunkte mehr als noch im Frühjahr nach der überraschenden Leitzinssenkung der EZB. Und weil höhere kurzfristige Leitzinsen ohnehin nicht unmittelbar auf die langfristigen Konditionen der Hypothekenbanken durchschlagen, gibt es für Arndt auch keinerlei Grund zur Beunruhigung.

Genauso neutral geben sich die meisten Vertreter der Geschäftsbanken und Wirtschaftsforschungsinstitute. Ob Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel oder Commerzbank-Chefvolkswirt Ulrich Ramm - die erwartete Zinskorrektur nach oben gilt in ihren Augen lediglich als Rückkehr zur Normalität; Marke konjunktur- und arbeitsmarktneutral. Ganz im Sinne der EZB-Aufgabe, für dauerhafte Preiststabilität zu sorgen.

Nur wenige warnen vor einer Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt, wie der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, der eine Beeinträchtigung der Konjunkturentwicklung mit allen negativen Folgen für Investitionen und Beschäftigung fürchtet. Gustav Horn, Konjunkturfachmann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, sieht das ähnlich. Nicht ohne Grund, sagt Horn, sei man doch in der Gemeinschaftsprognose der Institute zu dem Schluss gekommen, dass die EZB frühestens im nächsten Jahr die Zinsen erhöht.

Allzuviele Sorgen sind an dieser Stelle aber unbegründet. Denn die Investitionsbereitschaft von Unternehmern hängt nicht vom kurzfristigen Zinssatz in Euroland ab. Investitionen sind grundsätzlich längerfristig ausgerichtet. Und das nötige Kapital wird in aller Regel entsprechend langfristig aufgenommen. Vor allem aber richten sich Unternehmer, die investieren wollen, am wirtschafts- und strukturpolitischen Umfeld aus. Ausschlaggebender als die Zinsen sind für sie immer noch die Höhe der Lohnnebenkosten und der Löhne sowie die Steuerbelastung. Und hier bleiben nicht Europas Geldpolitiker, sondern die Finanz- und Wirtschaftspolitiker gefragt.

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