Wirtschaft : Fusionen: Der Risiko-Hunger hat nachgelassen

Henrik Mortsiefer

"Big is beautiful" - unter diesem Motto fand in den 90er Jahren ein Schönheitswettbewerb statt, bei dem sich internationale Konzerne um die Plätze auf dem Siegertreppchen rangelten. Jahr für Jahr stieg das Volumen der weltweit vereinbarten Fusionen. Allein 1999 belief es sich auf 1,2 Billionen Dollar. Doch in den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Trend überraschend gedreht. Der "Risiko-Appetit", von dem Investmentbanker gern sprechen, ist merklich gezügelt worden. Eine verständliche Entwicklung, geht doch das Jahr 2000 vor allem mit Erinnerungen an glorreich gescheiterte Projekte zu Ende: der abgesagten Großbanken-Ehe von Deutscher und Dresdner Bank, dem verhinderten Börsenduo London-Frankfurt und der transatlantischen Fusion von Daimler und Chrysler, die statt der erhofften Synergie einen dramatischen Vertrauensverlust am Kapitalmarkt verursacht hat. Vorsicht ist also angebracht.

Doch die Zurückhaltung täuscht. Wenn künftig deutsche Versicherer und Banken ihren Industriebesitz steuerfrei verkaufen können, wenn am Neuen Markt das große Fressen beginnt und wenn die zersplitterte Pharmaindustrie die Kräfte sammelt, dann wird sich das Fusionskarussell wieder drehen. Aufspringen und sitzen bleiben werden diesmal die, die nicht von Größenwahn und Sparzwang getrieben werden, sondern die, die Wissen teilen, Kapital sinnvoll einsetzen und Technologien bündeln. Das Jahr 2000 zeigt: Fusionen scheitern nicht nur an wachsamen Kartellbehörden, irritierten Börsen oder der Euroschwäche. Sie misslingen auch, weil der Know-how-Transfer scheitert, Kulturen einander fremd bleiben und Eitelkeiten mehr zählen als Effizienz.

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