Wirtschaft : Fusionen: Die Reiseindustrie wird internationaler

Die Reisebranche wird immer internationaler. Branchenkenner sind sicher, dass mit der Übernahme der britischen Reisegruppe Thomson Travel durch Preussag (TUI-Group, Hapag Lloyd) die Fusionen im Reisegeschäft längst nicht abgeschlossen sind. Künftig dürfte Europa den Reisekonzernen zu eng werden - dann käme der Schritt in die USA. Für die Kunden - so meinen Fachleute übereinstimmend - bringt eine europaweite Verflechtung der Reisekonzerne vorerst keine Nachteile.

Adrian von Dörnberg, Vorstand der Europäischen Reiseversicherung in München, sieht die Expansion als Begleiterscheinung globaler Verkehrsströme. Ob sich internationale Fluggesellschaften zu Allianzen zusammen schließen oder Reisen weltweit im Internet abrufbar sind - globale Angebots-Plattformen sind nach von Dörnbergs Ansicht längst vorhanden. Ein wichtiger Antrieb für die Bildung internationaler Reisemultis liegt für ihn darin, die Angebote der virtuellen Reisewelt auch tatsächlich vor Ort umzusetzen und die Kapazitäten optimal auszulasten.

Auch der Lüneburger Tourismusexperte Edgar Kreilkamp sieht in dem Zugriff der TUI-Mutter Preussag auf die Thomson Travel Group eine langfristige strategische Entscheidung. Den deutschen Markt hätten sich die Großen bereits untereinander aufgeteilt. Großbritannien und Skandinavien, wo die TUI bislang eher eine schwache Position gehabt habe, gelten dagegen neben Deutschland als die Wachstumsmärkte für Pauschalreisen. "Alles konzentriert sich auf Großbritannien, das eines der größten Geschäftsaufkommen hat", sagt Adrian von Dörnberg. Auch sei die Zusammenarbeit zwischen Veranstaltern und Vertrieb hier weiter vorangeschritten als in Deutschland. Der Vorteil für die TUI Gruppe: Der britische Reisekonzern habe neben großen Hotelkapazitäten auch Kreuzfahrten mit an Bord. In Großbritannien ließen sich Kreuzfahrten besser vermarkten, das Passagieraufkommen sei drei Mal so hoch wie in Deutschland. Auch auf den Kaufkanal "Travelchannel" könne TUI fortan zurückgreifen.

TUI hat nach Ansicht von Kreilkamp die Strategie verfolgt, eine andere Vormacht zu verhindern - C & N hätte zusammen mit Thomson die TUI vom Thron des europäischen Branchenführeres gestoßen. Nun entsteht aus der TUI und Thomson mit 17,4 Millionen Reisenden der weltgrößte Touristikkonzern. Die TUI zahlt dafür den Preis von immerhin knapp sechs Milliarden Mark. "Es ist eine Investition in die Zukunft - und damit kein Börsengeschäft", erklärt Kreilkamp. "Es war eine Entscheidung, die man treffen musste, sonst bekommt man keinen Fuß mehr auf den Boden."

Auch in Großbritannien selbst gibt es Expansionswünsche: Vor zwei Jahren ist Airtours plc (Manchester) über die Münchner Frosch Touristik International (FTI) in den deutschen Pauschalreisemarkt eingestiegen - seinerzeit eine der größten Allianzen der Touristikindustrie. Ein anderer britischer Konzern - First Choice - hat den in Deutschland tätigenden Türkei-Spezialisten Nazar Holiday vom türkischen Ten-Tour-Konzern gekauft, um Marktführer bei Türkei-Reisen zu werden. Das Paket beinhaltet auch die Ten-Tour-Veranstalter in Belgien, Spanien, Großbritannien und Österreich. Pikant dabei, dass First Choice demnächst von der deutschen Nummer Zwei, C & N aus Oberursel, geschluckt werden könnte. Den Bundestagsabgeordneten Ernst Hinsken (CSU) erfüllt diese Entwicklung mit Sorge: "Die Großen werden immer noch größer und in 20 Jahren haben wir dann keinen Mittelstand mehr in Deutschland." Noch vor der Sommerpause will er die kartellrechtlichen Aspekte des TUI-Thomson-Deals im Bundestagsausschuss für Tourismus diskutieren.

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