Wirtschaft : Fusionswelle 2011

Hohe Gewinne werden für Übernahmen genutzt /Investmentbanken euphorisch

Robert Landgraf/Hans Nagl (HB)

Frankfurt am Main - Holger Bross gerät ins Schwärmen, wenn er über die Perspektiven der Investmentbanken bei Fusionen und Übernahmen redet. Am liebsten würde der neue Deutschlandchef von Bank of America Merrill Lynch gar nicht aufhören zu erzählen. Teilweise hängt die Euphorie mit dem Schicksal seiner Bank zusammen. Unter der Übernahme der reinen Investmentbank Merrill Lynch hatte die zeitweise teilverstaatlichte amerikanische Bank stark zu leiden. Das ist heute kein Thema mehr: Die Bank of America meldete sich zurück und rangiert wieder unter den Topbanken.

Doch viel wichtiger ist dem ehemaligen Goldman-Banker Bross seine Botschaft für das Geschäft mit Mergers & Acquisitions (M&A): „Das Jahr 2010 ist ein Übergangsjahr im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen gewesen. Das gilt gerade für Deutschland.“ Im nächsten Jahr werde das Volumen bei M&A hier mindestens um 25 Prozent auf mehr als 100 Milliarden Euro steigen. Für Bross und seine Wettbewerber steht das nach Gesprächen mit Topmanagern in deutschen Unternehmen fest. Was zählt, sind die steigenden Unternehmensgewinne, die Alexander Dibelius, Deutschlandchef von Goldman Sachs, als Haupttreiber für die Fusionitis ausgemacht hat.

Über einzelne Transaktionen reden Investmentbanker im Vorfeld natürlich nicht. Doch manchmal dringen einzelne Pläne doch an die Öffentlichkeit. So soll die Lufthansa den skandinavischen Wettbewerber SAS schlucken wollen und möchte noch im ersten Halbjahr 2011 zugreifen, berichten Finanzkreise. Zum Verkauf stehen offenbar auch Tochtergesellschaften des Mischkonzerns Siemens. Der Grund: Siemens Hörgeräte und der Leuchtmittelhersteller Osram gehören nicht mehr zum Kerngeschäft. Und beim Textildiscounter Takko bewahrheiteten sich vor wenigen Tagen die hartnäckigen Gerüchte, dass das Unternehmen von der US-Beteiligungsgesellschaft Advent zum britischen Konkurrenten Apax Partners wechselt. Der Preis liege bei rund einer Milliarde Euro, berichten Finanzkreise.

Aber auch eine Reihe anderer Private-Equity-Häuser steht unter dem Druck, sich nach langer Flaute von Beteiligungen zu trennen. Dazu gehört CVC. Der Druckfarben-Hersteller Flint gehört seit sechs Jahren zum Finanzinvestor. Das Unternehmen soll an einen Wettbewerber verkauft oder an die Börse gebracht werden.

Ernst Fassbender, Deutschlandchef der Investmentbank Lazard, beobachtet gerade „in alten, gereiften Branchen eine paneuropäische Konsolidierung“. Ein vereinheitliches regulatorisches Umfeld treibe auch das M&A-Geschäft in wachstumsträchtigen Wirtschaftszweigen wie bei den Dienstleistungen. Als Beispiele nennt er Zeitarbeit, IT-Services, Labor- und technische Dienstleistungen. Beste Zeiten also für die Königsdisziplin Fusionen und Übernahmen.

Anders als viele Staaten stehen die Unternehmen dank oft zu historisch günstigen Zinsen platzierter Anleihen im Jahr 2009 gut da. „Sie haben sich mit Liquidität vollgesogen“, sagt Matthias Minor, Leiter des Anleihebereichs bei der Royal Bank of Scotland. Gleichzeitig verfügen die großen europäischen Konzerne über 600 Milliarden Euro an Bargeld. Weitere 300 Milliarden Euro sollen in den kommenden zwei Jahren durch Gewinne dazukommen, schätzt Bross. Und angesichts des Kursniveaus an der Börse lassen sich zügige Refinanzierungen auch über den Kapitalmarkt durchziehen.

Hinzu kommt: Die Unternehmen investieren wieder stärker in organisches Wachstum. „Aber das ist nicht überall möglich“, betont Nikolai Ahrens, Co- Chef Deutschland und Österreich bei Nomura. Zudem sei mit einer schwächeren Konjunktur in Europa und den USA zu rechnen. Unternehmen würden folglich vermehrt nach anderen Wachstumsmöglichkeiten suchen. Im Fokus stünden insbesondere Schwellenländer in Asien und Südamerika. Mit Blick auf ihre Profitabilität stünden die Firmen angesichts von Kostenkürzungen in der Krise oftmals besser da als im sehr guten Jahr 2007.

Bei Finanzinvestoren stehen viele Weiterverkäufe von Beteiligungsunternehmen an, die oftmals von Wettbewerbern erworben werden dürften. Der Druck zum Verkauf ist inzwischen groß. Erstmals seit 2007 ergab sich im zweiten Halbjahr dieses Jahres die Möglichkeit zum Verkauf. „Die guten Zahlen der Unternehmen sorgen für die Wiederbelebung“, sagt Fassbender von Lazard. Gerade bei mittelgroßen Deals erwarten Banker eine Welle von Übernahmen. Auch der neue Fünf-Jahres-Plan der chinesischen Führung gibt den dortigen Unternehmen mithilfe der staatlichen Banken mehr Spielraum bei der Finanzierung von Akquisitionen im Ausland. Rainer Langel, Chef des Investment-Banking bei Macquarie, hat Interesse besonders im Maschinenbau und im Bereich Autozulieferer ausgemacht. Auch Inder schauen sich Deutschland genau an, ebenso Japaner. Ihr Problem: Sie benötigen mehr Zeit als westliche Konzerne, um Übernahmen abzuschließen.

Der Umbau großer Konzerne und ihrer Tochtergesellschaften bleibt ein wichtiges Thema. Aktives Portfoliomanagement ist Bestandteil guter Unternehmensführung. In der Krise haben die Konzerne festgestellt, auf welche Kernbereiche sie sich konzentrieren müssen und wo es nicht so gut läuft. Diese Sorgenkinder stehen zum Verkauf. Außerdem passen bei Akquisitionen nie alle Teile zum Käufer. „Angesichts der guten Bewertung an den Börsen lassen sich die unerwünschten Bereiche zu attraktiven Konditionen verkaufen“, glaubt Bross von der Bank of America. Robert Landgraf/Hans Nagl (HB)

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