Fußball-EM : Geld besiegt Zufall

Für den Erfolg zählt der Marktwert: Wie Wirtschaftsforscher ausrechnen, wer vermutlich Europameister wird – und wer chancenlos ist.

BerlinEs gibt ein einfaches Verfahren zur Prognose von Fußball-Meistern, mit dem man in der Bundesliga oft richtig liegt. Auch bei den letzten Weltmeisterschaften konnte man damit gut voraussagen, wer das Rennen macht. Da Fußball ein professioneller Leistungssport ist, kann man am „Marktwert“ der Spieler durchaus ihre Leistungsfähigkeit und damit das Potenzial einer ganzen Mannschaft ablesen. Und der Marktwert der Spieler und Teams ist mit Hilfe des Internets leicht zu bestimmen – etwa mit Hilfe der Webseite www.transfermarkt.de. Danach waren zur WM 2006 Brasilien und Italien die teuersten Teams. Gewonnen hat tatsächlich Italien. Wie ist es bei der bevorstehenden EM?

Spanien liegt mit etwa 16 Millionen Euro pro Spieler an der Spitze des Feldes. Nicht viel weniger wert sind die Spieler von Italien und Frankreich (etwa 15 Millionen pro Kopf). Portugal, die Niederlande und Deutschland bringen es auf 10 Millionen Euro pro Spieler. Alle anderen Teams kommen im Schnitt auf ungefähr 4 Millionen. Nur die Mannschaft von Österreich liegt mit weniger als zwei Millionen pro Nase praktisch auf deutschem Zweitliganiveau. Insofern kann man fast ausschließen, dass Österreich trotz Heimvorteils Europameister wird.

Auch Griechenland, der Überraschungssieger der letzten EM, gehörte und gehört im Hinblick auf seinen Marktwert zum soliden Mittelfeld. Und Teams auf mittlerem Niveau haben im Fußball bei einem so kurzen Turnier wie der EM – die nach der Vorrunde im K.o.-System gespielt wird – immer gute Chancen, mit den finanziell hoch bewerteten Mannschaften mitzuhalten. Das lehren auch die nationalen Pokalwettbewerbe. Denn neben dem Marktwert entscheidet im Fußball – im Vergleich zu Sportarten wie Basketball, Handball oder Tennis – besonders oft der Zufall darüber, wer am Ende die Trophäe in den Händen halten darf.

Das hat einen systematischen Grund: Im Fußball werden sehr wenige Tore geschossen, so dass ein Treffer schon den Sieg bedeutet kann; zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Torschuss auch wirklich reingeht, beim Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten recht gering. Es bedarf im Fußball einer besonderen, manchmal eben zufälligen Angriffskonstellation, damit ein Schuss am Ende auch wirklich im Netz landet. Beim Basketball ist das völlig anders. Ein deutscher Fußballmeister schießt pro Saison etwa 70 Tore. In vielen Ballsportarten, wie Basketball oder Handball werden alleine pro Spiel so viele Punkte erzielt wie manche Fußballteams in einer halben Saison erzielen. Man kann zeigen, dass in Sportarten wie Basketball oder Handball weniger oft die nominell schwächere Mannschaft gewinnt.

Beim Fußball werden hingegen – so hat ein Statistiker vom „Los Alamos National Laboratory“ ausgerechnet – fast 50 Prozent der Spiele vom weniger spielstarken Team, also dem mit dem niedrigeren Marktwert, gewonnen. Beim Tennis, wo in einem guten Spiel etwa 100 Sieg-Bälle notwendig sind, gewinnt hingegen fast immer der bessere Spieler. Ungewiss im Ausgang und damit spannend ist Tennis nur dann, wenn zwei fast gleichstarke Spieler gegeneinander antreten.

Was bedeutet dies nun für die Europameisterschaft? Der Zufall wird nur wenige Chancen haben, eine entscheidende Rolle zu spielen, wenn die Marktwertdifferenz zwischen zwei Mannschaft hoch ist. Bei sehr großen Unterschieden zwischen Mannschaften, wird Geld gegen Zufall gewinnen. Insofern sind Italien, Frankreich und Spanien die Favoriten. Dass alle drei vorzeitig ausscheiden und ein Team aus dem soliden Mittelfeld, etwa Kroatien oder die Türkei, Europameister wird, ist extrem unwahrscheinlich.

Freilich: das spanische Team war bei solchen Ereignissen noch nie erfolgreich; aber diesmal soll die Mannschaft weniger zerstritten sein als sonst. Wenn das stimmt, wird das Rennen zwischen den drei Favoriten durch Verletzungspech, einen unglücklichen Abpraller oder auch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters entschieden werden – der Zufall entscheidet eben. Gott sei dank ist dem so, denn sonst wäre die EM ja ein langweiliges, spannungsloses Sommerereignis.

Die Professoren Jürgen Gerhards und Gert G. Wagner lehren Soziologie beziehungsweise Volkswirtschaft an der Freien Universität und an der Technischen Universität Berlin. Zudem arbeiten sie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

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