Fußball-EM : Wo Deutschland trotzdem Europameister ist

Das mit dem EM-Titel im Fußball sollte in diesem Jahr nicht sein. Doch es gibt Felder außerhalb des Sports, auf denen Deutschland Spitze in Europa ist.

von und Sebastian Gluschak und Eva Maria Gerstenlauer
Der Uefa-Pokal
Der Uefa-PokalFoto: imago sportfotodienst

1. Beginnen wir mit einem Klischee: Niemand braut in Europa so viel Bier wie die Deutschen. Rund 95 Millionen Hektoliter Bier werden hierzulande produziert. Zu diesem Ergebnis kam die Barth-Haas-Gruppe in ihrem letzten Bericht. Der weltweit führende Anbieter von Hopfen und Hopfenprodukten. Mit einigem Abstand folgte Russland, wo die Brauereien auf rund 82 Millionen Hektoliter kamen. Großbritannien stellte gut 41 Millionen Hektoliter her, Polen rund 40 Millionen und Spanien rund 34 Millionen Hektoliter. Was den Konsum angeht, ist Deutschland nur fast Erster. Die Tschechen trinken dann doch etwas mehr.

2. Kein anderer Europäer gibt so viel Geld für Möbel und Einrichtungsgegenstände aus. Zuletzt teilte der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) mit, dass sich die Pro-Kopf-Ausgaben in Deutschland auf 390 Euro im Jahr summieren. Für Accessoires und Deko würden die Verbraucher zusätzlich bis zu 150 Euro pro Person bezahlen. Platz zwei im Ranking belegten die Österreicher mit Möbelausgaben von 360 Euro; vor den Schweden mit 340 Euro.

3. Dazu kommt: Nirgendwo anders in Europa wohnen so viele Bürger zur Miete wie in Deutschland. 2014 lebten laut dem statistischen Amt der Europäischen Union etwa 47,5 Prozent der Deutschen zur Miete, dicht gefolgt von den Österreichern. In Punkto Eigenheim bildet Deutschland deswegen wohl auch das Schlusslicht im europaweiten Vergleich. Hier führt Rumänien, wo der Anteil jener, die im eigenen Haus oder in einer Eigentumswohnung leben, bei 96,1 Prozent liegt.

4. Wo Deutschland selbst bei der EM an der Spitze ist, ist der Bereich der Sportausrüstung. 15 der 24 EM-Teilnehmer werden von Adidas oder Puma ausgestattet. Die Unternehmen aus Herzogenaurach führen mit einem gemeinsamen Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro die Sportartikelindustrie in Europa an. Weltweit betrachtet hat lediglich der US-Amerikaner Nike mit einem Jahresumsatz von über 30 Milliarden US-Dollar im vergangenen Jahr noch mehr verkauft.

5.Anklicken, auspacken, wegwerfen: Der Boom des Online-Versandhandels hat Deutschland auch einen fragwürdigen Meistertitel beschert. Wegen des wachsenden Paketgeschäfts wird mehr Verpackungsmüll denn je verursacht. Jeder Einwohner wirft knapp 213 Kilogramm weg, wie das Bundesumweltministerium ausrechnete. Insgesamt kommen so 17,1 Millionen Tonnen Abfälle aus Papier und Pappe zusammen. Damit hat Deutschland das höchste Verpackungsaufkommen pro Einwohner in der Europäischen Union. Was Müll ganz allgemein betrifft, produziert der Deutsche (617 Kilo) zwar auch mehr als der durchschnittliche EU-Bürger (481 Kilo). Die Spitzenreiter sind hier aber die Dänen mit 747 Kilo Müll pro Kopf und Jahr. Am wenigsten Abfall hinterlassen die Esten.

6. Im europaweiten Ländervergleich wird in Deutschland auch am meisten Strom erzeugt – und verbraucht. Durch die zentrale Lage der Bundesrepublik ist sie ein Dreh- und Angelpunkt der europäischen Stromflüsse. Neun Nachbarländer sind in diesen Austausch involviert: Dänemark, die Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Tschechien, Polen und Schweden. Im vergangenen Jahr hat Deutschland einen neuen Rekord aufgestellt: Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie verzeichnete das Land einen Exportüberschuss im Stromaustausch von mehr als 50 Milliarden Kilowattstunden.

7. Die deutschen Landwirte sind in so einigen Bereichen ganz vorn mit dabei: Da wäre zum einen die Milchproduktion. Nach dem europäischen Statistikamt haben die deutschen Kühe im Jahr 2015 über 31,5 Millionen Tonnen Milch gegeben. Deutschland verkaufte mehr Milch, Butter, Käse und Joghurt an seine Nachbarn als irgendein anderes Land in Europa. Auch bei der Schweinemast waren die Deutschen mit 5562000 Tonnen Schweinen auf Platz Eins.

8. Gleichzeitig melden die deutschen Erfinder im Europavergleich mit Abstand die meisten Patente an. Die Einreichungen beim Europäischen Patentamt (EPA) erreichten im vergangenen Jahr einen neuen Spitzenwert und stiegen um 1,6 Prozent auf 279 000 (2014: 274000). Dabei kamen 24 820 der Anmeldungen aus Deutschland – was einem Anteil von 16 Prozent entsprach. Bei den erteilten europäischen Patenten verzeichnete Deutschland 2015 im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von 7,9 Prozent auf 14 122.

9. So viele Weltmarktführer wie in Deutschland findet man ebenfalls in keinem anderen europäischen Land. Das Leibniz-Institut für Länderkunde (IFL) hat über 1000 deutsche Unternehmen identifiziert, die in ihrer Nische die Konkurrenz hinter sich lassen. Meistens sind es hochspezialisierte Mittelständler: Der kürzlich eröffnete Gotthardtunnel wurde mit den Tunnelbohrmaschinen von Herrenknecht erstellt, die knapp 70 Prozent des globalen Branchenumsatzes ausmachen. Das schwäbische Unternehmen Schunk ist führend, wenn es um automatische Greiftechnik und Roboterhände geht. Ach ja: Jens Lehman, ehemaliger Nationaltorhüter, ist dort als Markenbotschafter aktiv.

10. In der Bundesrepublik wohnen laut dem Global Wealth Report europaweit die meisten Millionäre. Mit über einer Million der Gutbetuchten liegt Deutschland damit direkt hinter den USA und Japan. Trotzdem sind die Deutschen nicht die reichsten Europäer. Nach EZB-Angaben aus dem Jahr 2015 beträgt das Geldvermögen der Deutschen im Durchschnitt 65000 Euro. Damit liegen sie weit hinter den Benelux-Ländern. Dort verfügen die Bürger im Schnitt über mehr als 100000 Euro.

11. Ob wir stolz darauf sind oder nicht: die Deutschen sind auch die Ältesten Europas. Mit einem Durchschnittsalter von 45,9 Jahren liegt Deutschland fast drei Jahre über dem europäischen Mittel. Die kippende Alterspyramide stellt die Wirtschaft vor so einige Herausforderungen: Weniger Steuereinnahmen, ein verändertes Konsumverhalten, ein größerer Bedarf für Pflegeleistungen. Auf die Leistungen der Fußballnationalmannschaft hat das Alter aber scheinbar keinen Einfluss – die Iren sind mit ihren durchschnittlichen 36,4 Jahren immerhin schon im EM-Achtelfinale gescheitert.

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