Wirtschaft : G 8-Gipfel in Genua: Die Grammatik des Kapitalismus

Rainer Hank

Wenn sich die führenden Industrieländer und Russland (G 8) in der kommenden Woche zum Weltwirtschaftsgipfel in Genua versammeln, steht das Thema Armutsbekämpfung in der Dritten Welt abermals ganz oben auf der Agenda. Die Regierungschefs werden in Genua auf die üblichen Kritiker und Krawallmacher treffen, denen zufolge Globalisierung die Armen ärmer und die Reichen reicher macht. Diese Behauptung ist Blödsinn; sie hält sich aber hartnäckig. Seit dem gescheiterten Versuch einer neuen Welthandelsrunde in Seattle im Herbst 1999 zieht die Karawane der Gegner von Gipfel zu Gipfel.

Gegen die falschen müssen die besseren Argumente vorgebracht werden, auch wenn diese den Starrsinn der Kritiker nicht erweichen dürften. Freihandel, nicht der Protektionismus der Globalisierungsgegner, ist immer noch die beste Medizin gegen Armut. Es ist deshalb gut, dass der G 8-Gipfel sich für eine neue und umfassende Handelsrunde im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO einsetzt.

Die armen Länder haben Recht, wenn sie von den Industrieländern einen freien Marktzugang für ihre Produkte erwarten. Mit der Initiative "Everything but Arms", die seit Anfang 2001 in Kraft ist, haben die reichen Länder versprochen, Waren der ärmsten Länder - der least developed countrys LDC - zollfrei einzuführen. Dieses Versprechen - würde es eingelöst - steigert nach Berechnungen der Weltbank das nationale Einkommen der armen Länder um mindestens 100 Milliarden Dollar.

Doch woran liegt es, dass arme Länder arm sind? Armut, schreibt der peruanische Entwicklungsökonom Hernando de Soto in einer anregenden Studie (The Mystery of Capital. Why Capitalism Triumphs in the West and Fails Everywhere Else. London 2000), ist nicht in erster Linie Folge fehlenden Kapitals oder mangelnden unternehmerischen Engagements. Schon gar nicht sind es unterschiedliche kulturelle oder religiöse Voraussetzungen, welche die Länder von den Früchten des Kapitalismus fern halten. Im Gegenteil: Die Menschen der Entwicklungsländer und der ehemaligen kommunistischen Staaten verfügen über Kapital im Wert von rund zehn Billionen Dollar; das ist etwa zwanzigmal so viel wie die Direktinvestitionen, die seit 1989 in diese Länder geflossen sind.

Nicht das Kapital ist das Problem, sondern das mangelhafte Rechtssystem ist nach de Soto der Grund, warum es die Entwicklungsländer zwar zu rudimentären Märkten des informellen Sektors, aber nicht zu einer Marktwirtschaft bringen. Denn häufig sind die Eigentumsverhältnisse ungeklärt. Wenn Rechtsansprüche aber unklar sind, taugen vorhandene Immobilien auch nicht als Sicherheit für Kredite. Welche Bank vergibt schon einen Kredit ohne Sicherheiten? Damit fehlt aber die Voraussetzung jeglicher unternehmerischer Aktivität. Denn der Grundmechanismus der Marktwirtschaft - aus Arbeit werden Ersparnisse, aus Ersparnissen werden Investitionen - kommt nicht in Gang. Vielen armen Ländern fehlt nicht das Kapital, aber die Grammatik des Kapitalismus.

Das Fehlen eines verlässlichen Rechtssystems ist sicherlich nicht die einzige Ursache von Armut. Korrupte bürokratische Systeme beuten die Menschen aus. Erziehung und Bildung wird ihnen vorenthalten, weshalb der Transfer von Technologien unterbleibt. Doch ein historischer Vergleich zeigt, dass die USA im späten 19. Jahrhundert nicht nur die Früchte der Erfinder- und Gründerzeit ernteten, sondern auch das für gesunde Finanzmärkte nötige Rechtssystem ausgebildet haben. Genau diesen Prozess müssen die armen Länder zu Beginn der 21. Jahrhunderts nachholen, wenn sie Anschluss an den Kapitalismus finden wollen.

Ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie aus Märkten Marktwirtschaft wird, ist übrigens die Grameen Bank in Bangladesh: Kleinkredite erhalten von dieser Bank ausschließlich Frauen. Und als Sicherheit zählt die Dorfgemeinschaft dieser Frauen. Frauennetze taugen als Äquivalent zu Hypotheken auf Immobilien, während Männer dem Hallodri-Verdacht unterliegen und deshalb nicht in Frage kommen. Das mag anderswo anders sein. Doch immer gilt: Rechtsstaatlichkeit ist eine Grundvoraussetzung des Kapitalismus. Die Finanzmärkte wissen das. Je unsicherer das Rechtssystem im Zielland der Investitionen, um so höher der Risikoaufschlag. Man sollte den Finanzmärkten dafür dankbar sein, anstatt sie als Orte des Bösen im Zeitalter der Globalisierung zu verteufeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben