Gamescom : Gassi gehen mit dem Monster

Die Berliner Computerspiele-Industrie boomt. Nun will ein App-Entwickler den nächsten Welthit landen nach Pokémon Go - ab heute auf der Gamescom.

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Besuch von den Pokémons dürfte es auch auf der Gamescom in Köln geben, zumindest in virtueller Form.
Besuch von den Pokémons dürfte es auch auf der Gamescom in Köln geben, zumindest in virtueller Form.Foto: REUTERS

Die Hauptstadt ist im Pokémon-Fieber. An vielen Ecken sieht man Menschen, die gebannt auf ihr Smartphone starren und virtuelle Monster verfolgen. Das Handyspiel ist ein Riesenerfolg, weil es die Welt zu einem gigantischen Spielplatz macht – und weil es unseren angeborenen Jagdinstinkt anspricht. Womöglich installieren die Monster-Sammler aber bald eine neue App auf ihren Smartphones: Sie heißt „Fightlings“ und kommt aus Berlin.

Werden die "Fightlings" das nächste Pokémon?

Produziert wird „Fightlings“ von der Firma Thoughtfish. Das Charlottenburger Spielestudio ist eines von vielen Unternehmen aus der Hauptstadtregion, die kommende Woche zur größten Computerspielemesse der Welt Gamescom (17. bis 21. August) nach Köln reisen. Thoughtfish-Geschäftsführerin Christina Barleben will „Fightlings“ dort Spieleverlagen präsentieren und hofft auf großes Interesse – gerade in Zeiten der Pokémon-Euphorie ist das nicht unwahrscheinlich.
Thoughtfish steht stellvertretend für den Games-Boom in der Hauptstadtregion. 2013 gegründet, hat das Studio mittlerweile zehn feste und etliche freie Mitarbeiter; es finanziert sich durch eigene Projekte und Auftragsarbeiten. In den vergangenen Jahren sind immer mehr solcher Start-ups in Berlin und Brandenburg entstanden. Sie tragen Namen wie Maschinen-Mensch, Happy Tuesday oder Tinytouchtales – und profitieren allesamt vom hiesigen Gründerklima.

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Eine Milliarde Euro Umsatz macht die Spieleindustrie in der Hauptstadtregion

Nach Angaben des Branchen-Netzwerks Media.net „verzeichnet die Games-Industrie der Hauptstadtregion bundesweit das stärkste Wachstum und zählt neben Web-Unternehmen zu den größten Umsatztreibern der Berliner Medienwirtschaft“. 1500 Games-Firmen sind nach angaben des Senats hier ansässig, laut des Medienindex Berlin-Brandenburg machen sie in der Hauptstadtregion einen jährlichen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro- Zu den größten Spieleproduzenten der Region zählen Firmen wie Yager, GameDuell, King.com und Wooga. Letztere beschäftigt rund 300 Mitarbeiter und entwickelt in seiner Zentrale im Kollwitzkiez Spiele für Browser, Smartphones und Tablets.

Berlin ist zudem Veranstaltungsort verschiedener Spiele- und Entwicklungskonferenzen wie der International Games Week. Beim eSport, einem der wichtigsten Trends der Branche, spielt Berlin ebenfalls eine immer wichtigere Rolle: Der Vermarkter Freaks 4U Gaming hat hier seinen Hauptsitz, die Firma Riot Games überträgt eSport-Turniere aus ihrem Studio in Adlershof.

Das Spiel wird den echten Wetterdaten angepasst

Auch bei „Fightlings“ kommen die Spieler ordentlich in Bewegung, die App geht dabei sogar einen Schritt weiter weiter als Nintendos Hit Pokémon. „In ,Fightlings‘ spielen Ort, Zeit und Wetter eine Rolle. Dieser Kontext bestimmt, welche Ressourcen ich finden kann“, erläutert Thoughtfisch-Geschäftsführerin Barleben. „Bin ich bei Sonnenschein auf einem Spielplatz, finde ich dort wahrscheinlich Sand, bei Regen aber eher Matsch.“ Aus den Ressourcen erschaffen die Spieler Kreaturen und lassen sie in Kämpfen gegeneinander antreten.

„Alltägliche Dinge, die man sowieso erledigen muss, sollen mit ,Fightlings‘ wieder richtig Spaß machen“, sagt Barleben. „Zum Beispiel Einkaufen oder Gassigehen mit dem Hund.“ Die Basisdaten stammen aus ganz unterschiedlichen Quellen, zum Beispiel aus „OpenStreetMap“, aus Mondphasen- und Wetterdatenbanken. Erscheinen soll „Fightlings“ für iOS und Android voraussichtlich im September als Gratis-Spiel mit zusätzlichen Kauf-Optionen.

Immer mehr Games-Unternehmen zieht es in die Hauptstadt

Wie Thoughtfish zieht es immer mehr Games-Unternehmen nach Berlin. „Hier herrschen gute Bedingungen, und das hat eine Sogwirkung auf weitere Unternehmen“, sagt Michael Liebe, der Leiter der International Games Week. Auch Timo Ullmann, Geschäftsführer der Firma Yager, lobt den Standort ausdrücklich: „Die Stadt hat einen guten Ruf und unsere Kollegen schätzen die Lebensqualität auch außerhalb des Jobs.“ In der Pfuelstraße in Kreuzberg beschäftigt Yager rund 100 Mitarbeiter aus 16 Nationen. Auf der Gamescom wird die Firma ihr neues Spiel „Dreadnought“ präsentieren, ein grafisch beeindruckendes und strategisch anspruchsvolles Spiel mit gewaltigen Weltraumkreuzer-Schlachten.

Auf der Gamescom ist die Hauptstadtregion mit einem Gemeinschaftsstand vertreten. Zwölf Aussteller teilen sich die etwa 300 Quadratmeter große Standfläche. Etwa die Firma Altagram, die Games an bestimmte Märkte anpasst, der Payment-Anbieter Barzahlen oder auch der Internet-Service-Provider velia.net. Organisiert wird der Gemeinschaftsstand von der Wirtschaftsförderung Berlin Partner, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und der ZukunftsAgentur Brandenburg.

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170.000 Unterstützer hat das Spiel schon

Zu den spannendsten Messeteilnehmern aus Berlin zählt das Studio Sandbox Interactive: Es wurde 2012 von drei Spiele-Enthusiasten gegründet und hat mittlerweile rund 40 Mitarbeiter. Erst Anfang August startete die finale Betaversion von „Albion Online“, das Spieler in eine mittelalterliche Fantasy-Welt entführt. Bemerkenswert ist, dass sich „Albion Online“ ausschließlich mit dem Geld interessierter Spieler finanziert. „Wir haben bis jetzt etwa 170.000 Unterstützer“, erzählt Geschäftsführer Stefan Wiezorek. Weil das Studio zu klein geworden ist, zieht Sandbox Interactive schon bald von der Kulturbrauerei in das Suhrkamp-Gebäude in der Pappelallee.

Christina Barleben von Thoughtfish freut sich derweil schon auf die Gamescom. Dass die Pokémon-Begeisterung jetzt eine Welle von Konkurrenzprodukten auslöst, hält Barleben für wahrscheinlich. „Es macht aber einen qualitativen Unterschied, ob man etwas hastig nachbaut – oder ob man, wie wir, ein Spiel schon seit einem Jahr entwickelt.“ Sie hofft deshalb, mit „Fightlings“ genau den Trend zu treffen – und einen möglichen Pokémon-Nachfolger aus Berlin zum nächsten weltweiten Games-Hit zu machen.

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