Wirtschaft : Ganz in weiß

Das Medizinstudium verläuft näher an der Praxis als früher. Nur wenige brechen das Studium ab.

von
Foto: picture-alliance/ dpa

Den ersten Patientenkontakt hatte Tom Sabel (Name geändert) in der vierten Woche. Der 21-Jährige studiert im 6. Semester Medizin an der Charité – im sogenannten Modellstudiengang, der den angehenden Medizinern mehr Praxisnähe bieten soll. „Ich fühle mich wie eine Mischung aus Vorreiter und Versuchskaninchen, wobei die positiven Aspekte eindeutig überwiegen." Die Studierenden werden schneller an die Praxis herangeführt, ein Schwerpunkt sind dabei „ärztliche Fertigkeiten in Untersuchung und Gesprächsführung“.

Zum Medizinstudium gebracht hat Tom Sabel zunächst sein naturwissenschaftliches Interesse am menschlichen Körper. Während des mittlerweile in allen medizinischen Studiengängen vorgeschriebenen Pflegepraktikums entdeckte er außerdem, dass ihm auch die soziale Seite des Berufs Spaß macht: der Umgang mit Menschen. Das ist durchaus nicht bei allen Kommilitonen so - weshalb der Modellstudiengang den Teilnehmern noch schneller aufzeigt, ob sie tatsächlich für diesen Beruf geeignet sind. „Das Curriculum bietet wenig Raum, sich den Patienten zu entziehen“, sagt der Anästhesist Jan Breckwoldt, der die Lerninhalte mit entwickelt hat. Der Modellstudiengang ist an der Charité inzwischen für alle Studienanfänger im Fach Medizin verbindlich. Für Annette Güntert, die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundesärztekammer, ist die Medizinerausbildung in den vergangenen Jahren generell näher in Richtung Praxis gerückt: „Die Approbationsordnung ist 2002 und 2012 stark verbessert worden, die Studierenden werden früher auf die Patientenversorgung vorbereitet und arbeiten häufiger in Kleingruppen.“

Auch die angehenden Ärzte registrieren die Veränderungen: „Auch außerhalb der Modellstudiengänge versuchen viele Universitäten, die Studierenden früher in Kontakt mit den Patienten zu bringen und die Kommunikationsfähigkeit zu schulen", sagt Johannes Götte. Er studiert im sechsten Semester Medizin in Heidelberg und engagiert sich in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD). Dort ist er stellvertretender Bundeskoordinator für die Medizinische Ausbildung. „In Heidelberg arbeiten angehende Mediziner zum Beispiel mit ausgebildeten Schauspielern an generellen Soft-Skills in Umgang mit Patienten.“ Dabei gehe es etwa um Körpersprache, die Ausdrucksweise, Empathie, das Überbringen schlechter Nachrichten. Und um etwas, das viele Patienten vermissen: aktives Zuhören.

Das Medizinstudium wird nur sehr selten abgebrochen: Nach Angaben der Hochschulinformations GmbH (HIS) geben lediglich fünf Prozent der Studierenden ihren Platz wieder auf. Das liegt sicher zum einen daran, dass viele jahrelang auf diese Chance warten müssen - und die sehr guten Abiturienten, die sofort loslegen dürfen, keine Probleme mit dem Lernen haben. Für Jan Breckwoldt ist die Abiturnote zwar ein „guter Prädiktor“ dafür, dass ein Studenten lernen kann, doch die Dominanz der Abiturnote findet er schwierig. Das sieht auch Annette Güntert so: „Die Abiturnote ist noch immer ein viel zu stark gewichteter Parameter bei der Studienplatzvergabe. Es wäre wichtig, bei der Auswahl von geeigneten Medizinstudenten auch die soziale Kompetenz stärker einzubeziehen.“ Doch ein solches Auswahlverfahren koste viel Zeit und Geld. Der zusätzliche Aufwand werde „den medizinischen Fakultäten derzeit nicht gegenfinanziert".

Nach ihrer Facharztausbildung bleiben Mediziner zum größten Teil als Ärzte tätig – das belegt eine 2012 veröffentlichte Untersuchung der HIS zum „Berufsstart und Berufsverlauf“ von Humanmedizinern. Die ausgewerteten Daten zeigen außerdem, dass Mediziner über ein höheres Einkommen verfügen als Absolventen anderer Fachrichtungen, und dass sie häufiger Führungspositionen besetzen. Wenn Ärzte die Branche wechseln, dann zieht es sie oft in die Pharmabranche, das Krankenhausmanagement, zu Unternehmensberatungen – und in den Journalismus.

„Grundsätzlich haben wir keinen Ärztemangel“, sagt Jan Breckwoldt. Doch auf dem Land und in vielen Krankenhäusern fehlten Mediziner. Breckwoldt beobachtet, dass viele Absolventen nach der Facharztqualifikation in die Freiberuflichkeit abwandern. „Dort verdienen sie wesentlich besser als in den Kliniken.“ Viele Krankenhäuser müssten für Operationen mittlerweile Freelancer einkaufen. Ein weiterer Grund für das sinkende Interesse an der Arbeit in der Klinik ist die fehlende Balance zwischen Beruf und Privatleben. Laut einer Befragung des Berufsverbands der deutschen Chirurgen (BDC), verlangen junge Mediziner von ihren Arbeitgebern mehr Familienfreundlichkeit und flexible Arbeitszeitmodelle.

„Junge Ärzte legen heute mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance“, sagt auch Annette Güntert, die selbst zwei Facharztausbildungen gemacht hat: in den Bereichen Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie Öffentliches Gesundheitswesen. „Als Arzt bekommt man oft eine positive Rückkopplung durch die Patienten, da man am Krankheitsbild meistens etwas verbessern und helfen kann.“ Dies führe zu einer hohen Arbeitsmotivation und sei sehr befriedigend, könne aber auch Selbstausbeutung zur Folge haben. Sie findet, dass der medizinische Nachwuchs ausreichend betreut werden müsse: „In der Anfangsphase fühlen sich viele Mediziner überfordert von der Verantwortung, die sie plötzlich tragen müssen." Es sei wichtig, die jungen Kollegen gut zu unterstützen, zum Beispiel durch ein Tutorensystem. Doch dafür fehlten im Arbeitsalltag meist Zeit und Personal.

Der Student Johannes Götte arbeitet mit Kommilitonen gerade an einem „Kooperationskonzept für Arzte und Pflegekräfte“, das er gerne in der Ausbildung verankern möchte. „Für junge Ärzte ist es wichtig, eng mit dem Pflegepersonal zu kooperieren.“ Von den Erfahrungen der pflegenden Kollegen könnten sie immens profitieren. Er selbst könnte es sich vorstellen, eines Tages in einer Gemeinschaftspraxis auf dem Land zu arbeiten. Anders Tom Sabel: Er hat während seiner Ausbildung einige Monate bei einem Allgemeinmediziner in einer kleineren Stadt gearbeitet. „Diese Station hat mir viel Spaß gemacht, doch eine Leben als Arzt auf dem Land kommt für mich trotzdem nicht in Frage.“ Er möchte in einer Klinik arbeiten und den Nachwuchs unterrichten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar