Ganz neue Töne : Wie Software echten Instrumenten Konkurrenz macht

Musikinstrumente kauft man heute online oder im Musikkaufhaus. Kleine Händler haben es schwer – eine Branche im Umbruch.

Angie Pohlers
Auf Bestellung. Handgemachte Gitarren, wie hier in einer Berliner Werkstatt, finden ihre Nische. Das eigentliche Geschäft machen aber die Musikkaufhäuser.
Auf Bestellung. Handgemachte Gitarren, wie hier in einer Berliner Werkstatt, finden ihre Nische. Das eigentliche Geschäft machen...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin - Dicht gedrängt hängen sie nebeneinander. Countryklampfen, pinkfarbene E-Gitarren, glänzende Premium-Modelle für mehrere tausend Euro – an die 800 verschiedene Gitarren gibt es bei Just Music direkt am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg. Auf den übrigen vier Etagen des Geschäfts findet sich eine gleichsam breite Palette an Instrumentengruppen und Equipment. Mit 7000 Quadratmetern ist der Laden ein wahrer Megastore, Veranstaltungssaal und Dachterrasse inklusive. „Für Vollsortimenter wie uns besteht die Tendenz zum Musikkaufhaus auf jeden Fall“, sagt Lilli Stock, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Vater Joachim Stock führt.

Mit sechs Standorten in ganz Deutschland und einem umfassenden Onlineshop gehört Just Music zu den Großen im deutschen Musikhandel. Jeden fünften Euro Umsatz macht die Branche inzwischen durch den Handel im Netz – Tendenz steigend. Kleinere Instrumentengeschäfte haben das Nachsehen: Für gut aufgestellte Webshops fehlt ihnen zumeist das Personal und auch die Sortimentbreite, die Musikkaufhäuser wie Just Music oder der Onlinespezialist Thomann vorhalten können. „Es wird sie aber weiterhin als Nischengeschäfte geben, zum Beispiel als besonders renommierte Gitarrengeschäfte, die selbst reparieren“, schätzt Lilli Stock.

Die Jahre, als Just Music noch mehrere kleine Läden für einzelne Instrumentengruppen in Wilmersdorf betrieb, sind längst Geschichte. Zuletzt gab es zwei große Vollsortimentgeschäfte, eines im Westen, eines im Osten der Stadt. Seit Juni 2013 existiert nur noch der neu bezogene Standort am Moritzplatz, nach Stocks Angaben Europas größter innerstädtischer Musikladen. Dass nun alles an einem Ort ist, sieht sie als wesentlichen Grund für die wachsenden Umsätze. „Im Vergleich zum Vorjahr liegen wir schon jetzt 20 Prozent im Plus.“

Die Trends der Branche – Musikkaufhäuser auf der einen und kleine Spezialgeschäfte auf der anderen Seite – sieht auch Daniel Knöll. Als Geschäftsführer des Verbandes der Musikinstrumenten- und Musikequipmentbranche vertritt er Händler, die in den vergangenen zehn Jahren viele Standorte schließen mussten – fünf Prozent des Bestandes waren es allein im vergangenen Jahr. Die größte Bedrohung für die Branche stellt seiner Ansicht nach aber nicht der Onlinehandel dar: Immer weniger Deutsche greifen privat zur Geige oder in die Tasten. „Und das wird sich noch verschärfen, weil der Musikunterricht in den meisten Bundesländern nicht mehr als verbindliches Schulfach stattfindet“, kritisiert Knöll. Die Folgen für den Absatzmarkt zeigten sich schon jetzt.

Die Branchenumsätze sind laut Kultur- und Kreativwirtschaftsbericht der Bundesregierung heute mit knapp 1,9 Milliarden Euro pro Jahr zwar fast doppelt so hoch wie vor 30 Jahren. Aber „es werden längst nicht so viele traditionelle Instrumente verkauft“, betont Knöll. In nur jedem zehnten Berliner Haushalt werde musiziert – lediglich die Brandenburger sind noch unmusikalischer.

Knöll schwärmt von goldenen Zeiten. Von den 1980er und 90er Jahren, von Punk und Brit-Pop, als sich noch jeder an ein Instrument gewagt habe. Die Instrumentenbranche bekommt die gesellschaftlichen Veränderungen zu spüren – und die Hypes im Showgeschäft. „Derzeit wird eher weniger handgemachte Musik gehört, deshalb werden vor allem weniger Blas- und Schlaginstrumente abgesetzt.“ Dafür verkaufen sich Softwareprogramme, mit denen jeder seine eigene Musik am Computer machen kann, von Jahr zu Jahr besser.

Das Segment Beschallung – Subwoofer, Boxen und Mischpulte – ist laut Stock schon länger ein besonders „starkes Thema“. „Immer mehr Clubs, Cafés und Restaurants eröffnen und die wollen, dass die Musik gut klingt.“ Inzwischen liegt der Umsatzanteil bei fast 15 Prozent. Und doch: Jetzt, kurz vor Weihnachten, kaufen viele Eltern Keyboards und Pianos – kein anderer Monat ist so wichtig für das Jahresgeschäft. Ob auf dem Klavier im Sommer immer noch gespielt wird, ist jedoch eine andere Frage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben