Ganz oben : Siemens ist so profitabel wie noch nie

Die Geschäfte von Siemens sind wohl auch im vierten Quartal gut gelaufen. Besonders gefragt ist Umwelttechnik, deshalb wird die Konzernstrategie erweitert.

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„Ein ganz normales Unternehmen“ sei Siemens jetzt, sagt der Chef, Peter Löscher. Der Umbau des Konzerns ist abgeschlossen. Foto: ddp
„Ein ganz normales Unternehmen“ sei Siemens jetzt, sagt der Chef, Peter Löscher. Der Umbau des Konzerns ist abgeschlossen. Foto:...Foto: ddp

Berlin - Während andere Unternehmen zum Endspurt ansetzen, zieht Siemens bereits Bilanz. Ende September endete das Geschäftsjahr, an diesem Donnerstag legt Konzernchef Peter Löscher die Zahlen vor. Analysten erwarten, dass sich der Technologiekonzern auch im vierten Quartal gut geschlagen hat. Vor allem aber wird Löscher sagen, wo es in Zukunft langgehen soll: „One Siemens“ heißt das neue Zielsystem, das ausdrücklich kein neues Unternehmensprogramm sein soll. Von diesen Umbauprogrammen hatte es in der Vergangenheit schon zu viele gegeben. Nun habe Siemens die Lücke zu seinen Wettbewerbern geschlossen, sagt Löscher. Nach dem Konzernumbau und der Aufarbeitung der Schmiergeldaffäre sei Siemens „ein ganz normales Unternehmen“ geworden.

2009 hatte der Konzern schwer unter der Krise gelitten. Unternehmen und die öffentliche Hand kauften weniger Produkte und Dienstleistungen. Doch inzwischen ziehen die Geschäfte wieder an. Windräder, Lokomotiven, Automatisierungs- und Kraftwerkstechnik von Siemens sind weltweit gefragt. Finanzchef Joe Kaeser hat vor wenigen Wochen bereits einen positiven Ausblick gegeben. Die drei Siemens-Geschäftsfelder Industrie, Energie und Gesundheit dürften im vierten Quartal einen Umsatz von knapp 19 Milliarden Euro und Aufträge von gut 20 Milliarden Euro verzeichnet haben, sagte er. Das wäre besser als im Vorjahresquartal und auch noch einmal besser als im vorangegangenen Quartal. Die meisten Analysten erwarten nun, dass der Umsatz des gesamten Geschäftsjahres zwar noch leicht unter dem Wert des Vorjahres von 76,7 Milliarden Euro liegen wird. Zugleich rechnen sie aber mit einem leicht verbesserten operativen Gewinn.

Bisher hatte Siemens seinen 14 Geschäftsgebieten unterhalb der drei großen Bereiche Renditeziele vorgegeben, und der Gesamtumsatz sollte doppelt so stark wachsen wie die weltweite Wirtschaft. Dieses System soll sich nun ändern, nachdem Siemens bei der Rendite mit dem Erzrivalen General Electric gleichgezogen hat. Siemens werde nur noch Margenziele für die drei großen Bereiche vorgeben und zugleich seine Wachstumsziele weniger global und dafür stärker an der Entwicklung seiner Wettbewerber orientieren, heißt es. Künftig will sich das Unternehmen weniger am Ergebnis messen lassen als vielmehr daran, ob das Kapital effizient eingesetzt wurde. Ziel sei es, das Unternehmen nachhaltiger zu steuern. Auch die wesentlichen Wachstumstreiber hat Löscher bereits benannt: Die Umwelttechnik, das Geschäft mit den Schwellenländern (Brasilien, Russland, Indien und China) sowie das Servicegeschäft sollen weiter ausgebaut werden. Neu bei Siemens ist auch, dass Löscher erklären wird, nach welchem Prinzip Siemens künftig seine Dividende zahlen will.

„Sein Ziel, bei den Margen in den verschiedenen Geschäftsfeldern Klassenbester zu sein, hat Siemens bereits erreicht“, sagt Analyst Ingo Schachel von der Commerzbank. „Hier ist das Verbesserungspotenzial also begrenzt.“ Mit dem neuen Zielsystem mache Siemens deutlich, dass es künftig in eine andere Richtung gehen wird. „Eine echte Notwendigkeit sehe ich dafür aber nicht“, meint Schachel. Schließlich arbeiteten die meisten anderen Unternehmen mit Margenzielen. Wenn Siemens in Zukunft darauf verzichte, dann gehe ein Stück Transparenz verloren. „Der Vergleich mit anderen Unternehmen in dem Sektor wird schwieriger, wenn Siemens von den üblichen Zielsetzungen abweicht“, sagt der Analyst.

Positiv wertet Schachel, dass mit der neuen Fokussierung auf die Kapitaleffizienz das eingesetzte Kapital gesenkt werden kann. „Das geht in die richtige Richtung“, sagt der Analyst. „Allerdings um den Preis, dass diese Messgröße deutlich stärker schwankt als andere.“

Auch Schachel geht davon aus, dass Löscher am Donnerstag für das Geschäftsjahr 2010 eine Bilanz vorlegen wird, die sich sehen lassen kann. „Wir erwarten für das vierte Quartal ein Ergebnis auf dem Niveau des starken dritten Quartals. Und einen weiter starken Auftragseingang. Die positive Story setzt sich fort.“ Die Arbeitnehmerseite ist froh darüber, dass Löscher Siemens nun als „ganz normales Unternehmen“ bezeichnet. „In den vergangenen Jahren jagte ein Restrukturierungsprogramm das nächste. Leidtragende waren die Beschäftigten in Deutschland“, sagt Birgit Steinborn, stellvertretende Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

„Es ist vernünftig, dass wir uns auf das Tagesgeschäft konzentrieren.“ Positiv wertet Steinborn zudem, dass unter „One Siemens“ die Zusammenarbeit der Unternehmensteile verbessert werden soll. Doch bleibe eine Forderung offen: „Es gibt leider kein Ziel, das den Erhalt und den Ausbau der Beschäftigung in Deutschland vorsieht.“ Die Betriebsrätin kritisiert zudem, dass Siemens zwar eine Strategie für die Schwellenländer entwickelt habe. Sie befürchtet aber, dass Deutschland ins Hintertreffen gerät. „Dabei liegt hier unsere Basis“, sagt Steinborn. „Und wir hören von Kunden immer wieder, dass Siemens vor allem für seine deutsche Qualität geschätzt wird.“

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