Wirtschaft : Gartensaison: Feng-Shui für den Rasen

Claudia Keller

Schlechte Nachrichten für die Reisebranche sind gute Nachrichten für die Gartenmärkte, für die Einrichtungshäuser und für jene Fachgeschäfte, die sich mit dem Draußen-Zubereiten-und-Essen von Nahrungsmitteln beschäftigen. Seit dem 11. September und seitdem in vielen Familien die Rezession Löcher ins Budget bohrt, reisen die Deutschen nicht mehr viel. Stattdessen pflegen sie Familie und Garten. Die Garten-, Grill- und Outdoorbranche wächst - in diesem Sommer "könnte sie einen Boom erleben", sagt Stefan Michell vom Bundesverband Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte. Deshalb stehen im Obi heute Teakholzsessel und bei Ikea Zierholzbänke, wo früher Nägel, Hämmer und Klappstühle standen. "Erlebniswelten" nennt das Michell.

Selbst verregnete Sommer wie in den vergangenen Jahren konnten der Gartenbranche ernsthaft nichts anhaben: Es geht ihr so gut wie nie. Wenn sich der Frost verzogen hat, hält die Deutschen nichts mehr drinnen. "Wir entdecken regelrecht das Wohnen und Leben draußen", sagt Eva Barth-Gillhaus vom Bundesverband Hausrat- und Wohnkultur.

Mehr als die Hälfte der Deutschen wohnt in einem Haus mit Garten. Wer keinen Grünflecken besitzt, lässt auf dem Balkon Blumen, Kräuter und Gräser sprießen. 20 Millionen Balkone gibt es in Deutschland, zwölf Millionen Terrassen. "Mieter nehmen heute lieber andere Mängel in Kauf, wenn eine Wohnung einen Balkon hat", sagt Hartmann Vetter vom Berliner Mieterbund. Wohnungen ohne Bezug zu Luft und Sonne seien heute viel schwerer zu vermieten als noch vor zehn Jahren. Auch der Gaststättenverband bestätigt den Trend nach draußen: Die Biergärten werden von Jahr zu Jahr größer, kaum ein Restaurant kommt noch ohne Terrassenbewirtschaftung aus.

In der Branche wachsen neue Sortimentszweige: Teller, Gläser und Schüsseln mit extra dicken Wänden oder Stoffstruktur speziell fürs Freie zum Beispiel. Längst sind Terrakotta-Schalen und Blumenkästen nicht mehr genug: Auch Salzstreuer und Kerzenleuchter aus dem italienischen Material sind jetzt schwer in Mode. Verbraucherstudien zeigen, dass 72 Prozent der Deutschen letztes Jahr ihre Freizeit vorzugsweise im Garten verbrachten - nicht nur auf der Liege, sondern auch mit Rasenmäher, Harke und Rechen. Gartenarbeit zählt zu den häufigsten Freizeitbeschäftigungen und kommt in der Beliebtheitsskala gleicher hinter dem Auto.

Die neu erwachte Liebe zum Wohnen im Freien verändert die Gärten und Balkone deutlich. Noch vor dreißig Jahren überwogen die Nutzgärten mit ihren nicht sonderlich hübschen Beeten, Ackerschollen und lehmigen Wegen. Heute heißt es: Wenn schon Kartoffeln, dann welche von Manufactum. Der Edel-Versender, der sich auf die guten, alten Dinge spezialisiert hat, liefert neuerdings auch handverlesene Saatkartoffeln (zum Beispiel: Typ Reichskanzler), Obstbäume (Klapps Liebling) und alte Rosen (Souvenir de Malmaison). Wenn sich der Garten nicht längst in einen selbst gebauten Teich mit einer Koj-Karpfen-Population verwandelt hat. Dann nämlich werden heute Hightech-Umwälzpumpen im Boden vergraben, teure Teichfolien mit Einbuchtungen für die Uferbepflanzung verlegt und Wasserwerfer namens Reiherschreck aufgebaut - damit die Koj-Karpfen Angriffe aus der Vogelwelt überleben.

Warum man das alles so genau weiß? Gartencenter, Heimwerkermärkte und die Konsumforschungsinstitute sind ihm, dem Hobbygärtner, auf der Spur. Das lohnt sich. Schließlich erwirtschaften die Garten- und Heimwerkermärkte mittlerweile 30 Prozent ihres Umsatzes im "grünen Bereich", Tendenz steigend. Im vergangenen Jahr waren das 5,5 Milliarden Euro. "Das ist der umsatzträchtigste Bereich", sagt Stefan Michell vom Heimwerkerverband.

Sein Verband hat herausgefunden, dass sieben Millionen Gartenbesitzer "Gärtner aus Leidenschaft" sind. In der Regel sind sie über 50 Jahre alt und "hoch motiviert", teure Spezialgerätschaften zu kaufen: die Edelstahlharke und den motorbetriebenen Rasenkantenschneider zum Beispiel. 14 Millionen wollen draußen aber nur entspannen und sich mit Freunden treffen. Klar: Bei dieser Spezies steht "die produktive Gartenarbeit nicht im Vordergrund". Da reicht die Grundausstattung (der Metallrechen und die einfache Harke).

Frauen entscheiden über die Gartenliegen und die Sonnenschirme, Männer kaufen Grills und Rasenmäher. Eines ist beiden gemeinsam: Der Trend zum Teuren. Nur die Outdoor-Neulinge greifen noch zu Billigwaren, heißt es beim Gartenverband. Immer mehr gelte: "Den Komfort, den man drinnen haben will, soll es auch draußen geben", so die Wohnkulturexpertin Eva Barth-Gillhaus. Viele kaufen Gartenmöbel aus hochwertigen Hölzern, die sie im Winter auch drinnen benutzen können. Und selbst Feng-Shui, die asiatische Lehre von Harmonie und Raum, macht nicht halt vor der Terrassentür. Auch unter den Landschaftsarchitekten gibt es mittlerweile Fernost-Spezialisten, die die Gartenwege in die richtigen Kurven legen und die passenden Pflanzen dazu verkaufen.

Was die Deko angeht, steht bei den Freiluftfreunden auch dieses Jahr das Mediterrane hoch im Kurs - diesmal in der schlichten Variante. Üppige Blumenmuster sind out. Wer nicht in die Welt reisen will, der holt sich die Welt nach Hause. Aber eine ganz bestimmte muss es sein: Blau-grün oder weiß, jedenfalls terrakottagefliest und edel. Abwaschbar, ungezieferresistent und am besten mit Sonnen-Abo.

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