GASAG : ''Wir zahlen definitiv nichts zurück''

Die Gasag-Chefs Czernomoriez und Prohl sprachen mit dem Tagesspiegel über das Ende des Kartellverfahrens und eine mögliche Beteiligung des Landes Berlin.

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Die Doppelspitze. Gasag-Finanzvorstand Olaf Czernomoriez (links) und Vertriebsvorstand Andreas Prohl leiten den Berliner...

Die rot-rote Landesregierung in Berlin überlegt, Teile der Gasag wieder in Landeseigentum zu überführen. Haben Sie schon die Lage bei Ihren Eigentümern sondiert?



CZERNOMORIEZ: Nein, wir können noch gar nichts über die Qualität dieses Vorhabens sagen. Ist das feste Absicht oder nur eine Idee? Wenn es um eine Beteiligung am Gasnetz geht, muss der Hinweis erlaubt sein, dass seit 2005 der Zugang zu den Netzen von der Bundesnetzagentur kontrolliert wird.

Was hat das bewirkt?

PROHL: Die Gasag hat das Netz in eine operativ eigenständige Gesellschaft ausgelagert, so dass es zwischen dem Netzbetrieb und dem Gasverkauf keine organisatorische Verflechtung mehr gibt. Seit 2006 steht das Berliner Gasnetz zu regulierten Preisen also allen Händlern offen. Und fast 30 Händler machen davon ohne Probleme Gebrauch.

Sie lehnen eine Landesbeteiligung am Netz also nicht grundsätzlich ab. Halten Sie einen Einstieg des Landes für realistisch?

CZERNOMORIEZ: Ob es dazu kommt, müssten am Ende unsere Gesellschafter Vattenfall, Gaz de France/Suez und Thüga AG entscheiden. Wenn da Interesse bestünde, würden wir uns einer Diskussion nicht verschließen.

Was hätten Ihre Endkunden davon?

PROHL: Auf den Preis hätte das jedenfalls keinen Einfluss. Eben weil der Preis für die Gasdurchleitung von der Bundesnetzagentur reguliert sind. Es gibt für die Gasag keinen Preisspielraum in diesem regulierten Geschäft.

Warum dann das Ganze?

PROHL: Für uns hätte der Plan den Vorteil, dass die Politik jederzeit nachvollziehen könnte, dass wir den Wettbewerb nicht behindern. Und unsere Kunden würden wissen, dass uns nicht nur die Netzagentur kontrolliert, sondern das wir auch gegenüber den politisch Verantwortlichen nichts zu verbergen haben.

Einige Politiker begründen das Vorhaben mit dem Argument, Gas gehöre zur staatlich notwendigen Daseinsvorsorge.

CZERNOMORIEZ: Das Argument, dass Gas zur Daseinsvorsorge unbedingt in staatliche Hände muss, ist lange widerlegt. Die Versorgungssicherheit der Stadt ist auch durch private Eigentümer gewährleistet – zumal es ja bindende Verträge gibt. Das Land Berlin hat uns die Konzession erteilt, also das Recht Leitung durch öffentliches Land zu verlegen. Aber wenn sich das Land jetzt, in welcher Form auch immer, an unseren Netzen beteiligen will, könnte das positive Auswirkungen für die infrastrukturelle Entwicklung der Stadt haben.

Was wäre, wenn das Land sich auch wieder am Gesamtkonzern beteiligen möchte?

CZERNOMORIEZ: Als die Stadt 1994 noch 100-prozentiger Eigentümer war, waren das Zeiten hoher Verluste. Seit dem Verkauf ist das Geschäft verändert, unser Wert ist deutlich gestiegen. Das sieht man auch an den Ergebnissen. Es ist natürlich klar: Der Senat hat damals viel Geld bekommen. Ich weiß nicht, ob unsere Eigentümer ohne Weiteres bereit sind, Anteile wieder zurückzugeben.

Das Bundeskartellamt hat in dieser Woche die Preisprüfungsverfahren gegen 29 deutsche Versorger, darunter auch die Gasag, eingestellt – unter der Auflage, dass diese ihre drei Millionen Kunden in Höhe von 127 Millionen Euro entschädigen. Welche Zugeständnisse mussten Sie machen?

PROHL: Gegen das Wort Entschädigung wehren wir uns. Es wird in Berlin keine Bonuszahlungen oder Rückzahlungen, in welcher Form auch immer, geben. Weil das Bundeskartellamt bei uns keinen Missbrauch feststellen konnte.

CZERNOMORIEZ: Wir haben umfangreiche Unterlagen über Preisgestaltung, Kundenstruktur, Wettbewerbssituation und Bezugskosten zur Verfügung gestellt. Dann haben wir über viele Monate in einem komplexen Verfahren mit dem Kartellamt über Methoden gestritten.

Mit dem Ergebnis …

CZERNOMORIEZ: ..., dass das Kartellverfahren gegen die Gasag für 2007 eingestellt wird, weil kein Missbrauch festgestellt werden konnte. Und auch das Verfahren für 2008 wird eingestellt werden, wegen der wettbewerblichen und strukturellen Besonderheiten des Berliner Gasmarktes.

Was soll am Berliner Markt so besonders sein?

PROHL: Wir konkurrieren hier zum Beispiel mit fast 30 anderen Händlern...

... die zusammen aber kaum mehr als ein Zehntel des Marktes beherrschen.

PROHL: Ja, aber man muss doch die Relation sehen. Selbst das Bundeskartellamt geht davon aus, dass wir in Deutschland eine Kundenwechselrate von etwa einem Prozent im Jahr 2007 hatten. Und wir haben im Zuge des harten Wettbewerbs bereits über zehn Prozent unserer Kunden verloren. Ende 2007 waren es erst fünf.

Sie fühlen sich also freigesprochen. Warum senken Sie dennoch schon zum 1. Februar überraschend die Preise? Und dann wohl noch mal im April?

CZERNOMORIEZ: Wir fühlen uns nicht nur so, es ist Tatsache. Wir haben uns für diese wettbewerbsfördernde Maßnahme im Februar 2009 entschieden, um einer weiteren Prüfung in der nächsten Zeit vorzugreifen. Wir wollen uns nicht wieder neun Monate mit dem Kartellamt nur über das gleiche Ergebnis streiten – nämlich, dass kein Missbrauch vorliegt.

Welchen Umfang hat die Preissenkung?

PROHL: Sie hat ein Volumen von drei Millionen Euro. Zudem werden wir fremden Händlern eine elektronische Netzkarte zur Verfügung stellen, was den Netzzugang weiter erleichtert und den Wettbewerb in Berlin fördert.

CZERNOMORIEZ: Wir haben einfach wirtschaftlich geurteilt und gesagt: Wir würden am Ende doch nur wieder viel Geld für Anwälte ausgeben. Wir wollen das alles beenden und uns Zukunftsaufgaben widmen.

Das Kartellverfahren lief ja gegen insgesamt 29 Versorger. War die Gasag denn wirklich das einzig weiße unter all den schwarzen Schafen?

PROHL: Wir sind ein weißes Schaf.

CZERNOMORIEZ: Aber ungeachtet all unser Kritik an den Methoden, müssen wir einfach feststellen, dass das Bundeskartellamt letztlich differenziert herangegangen ist und die besondere Situation der Gasag gewürdigt hat. Auch wenn wir für 2009 gewisse Zugeständnisse gemacht haben – es wurde kein Missbrauch festgestellt. Und das ist etwas anderes als bei den anderen Versorgern, die jetzt an die Kunden zurückzahlen müssen. Wir zahlen definitiv nichts zurück. Es gibt auch keinen Anlass dafür.

Wie lange werden Sie denn Ruhe haben? Das Amt kann ja immer wieder prüfen.

PROHL: Klar, man steht unter Dauerbeobachtung.

Das Gespräch führte Kevin Hoffmann.

Hintergrund zur Gasag:
VORSTÄNDE
Diplom-Mathematiker Olaf Czernomoriez (58) ist seit 15 Jahren bei der Gasag und seit 2005 als Vorstand verantwortlich für Finanzen und Unternehmensentwicklung. Der Wirtschaftsingenieur

Andreas Prohl kam vor zehn Jahren zur Gasag. Der 49-Jährige verantwortet als Vorstand die Bereiche Technik und Vertrieb.

EIGENTÜMER
Mitte der 90er Jahre verkaufte das Land die Gasag für rund 1,3 Milliarden Euro. Eigentümer sind heute Vattenfall, Gaz de France und die Thüga AG. Letztere gehört zum Eon-Konzern. Die Gasag-Tochter NBB betreibt das 6855 Kilometer lange Gasnetz in Berlin.

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