Wirtschaft : „Gaskraftwerke sind ein idealer Partner “ Verbandschefin Müller fordert klare Regeln

Foto: promo
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Frau Müller, löst nun Erdgas die Atomenergie als Brückentechnologie ab?

Erdgas wird eine wesentliche Rolle beim Umbau der Energieversorgung spielen. Gaskraftwerke sind ein idealer Partner der erneuerbaren Energien. Sie können die schwankende Einspeisung von Wind- oder Sonnenstrom ausgleichen, da sie schnell zu- und abschaltbar sind. Erdgas hat unter allen fossilen Energieträgern die günstigste Kohlendioxidbilanz, die sich weiter verbessert, wenn regeneratives Bio-Erdgas hinzukommt. Klar ist: Wir sind ein Industriestandort und brauchen rund um die Uhr Strom. Die erneuerbaren Energien können diesen noch nicht immer zuverlässig liefern. Daher sind noch auf lange Sicht auch neue, effiziente Erdgas- und Kohlekraftwerke notwendig. Ohne neue Kraftwerke ist der Umbau zu den Erneuerbaren nicht zu schaffen.

Derzeit lohnt sich die Investition in ein Gaskraftwerk nicht. Braucht Deutschland einen Kapazitätsmarkt, mit dem die Vorhaltung von Kraftwerken zum Ausgleich von Schwankungen bei der Stromerzeugung finanziert wird?

Der massive Ausbau der erneuerbaren Energien führt dazu, dass die konventionellen Kraftwerke immer seltener unter Volllast am Netz sein werden. Wir müssen uns Wege überlegen, wie ein Potenzial zur Stromerzeugung für den Fall vorgehalten werden kann, dass der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Ob wir dafür zwingend einen Kapazitätsmarkt brauchen, ist noch nicht abschließend diskutiert. Es muss aber genau untersucht werden, ob Marktanreize allein in Zukunft noch ausreichen werden, um neue Kraftwerke zu bauen. Ein wichtiger Punkt: In ihrem Energiekonzept vom vergangenen Herbst hatte die Bundesregierung die zeitlich begrenzte Förderung des Neubaus von Kraftwerken vorgesehen, dies findet sich auch im aktuellen Sechspunkteprogramm des Bundesumwelt- und des Bundeswirtschaftsministeriums wieder. Die Koalition sollte hier schnell Klarheit schaffen und diese geplante Förderung in die Tat umsetzen.

Sollten Gaskraftwerke als langfristige Bestandteile eines künftigen Stromsystems betrachtet werden?

Ich sehe Gaskraftwerke als langfristigen und unverzichtbaren Bestandteil unseres Energieversorgungssystems. Die „Power- to-Gas“-Technologie ist eine faszinierende Idee mit viel Potenzial, hierzu laufen bereits Forschungsprojekte. Unsere vorhandene Gasinfrastruktur mit einem Erdgasnetz von 445 000 Kilometern Länge kann möglicherweise mithilfe dieser Technologie für die Speicherung und den Transport von Ökostrom genutzt werden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielseitig: Der in Methan umgewandelte Ökostrom kann in Kraftwerken zur Stromproduktion eingesetzt werden, eignet sich aber auch zum Heizen oder als Kraftstoff in Erdgasfahrzeugen.

Hildegard Müller (43) ist seit 2008 Chefin des Bundesverbands für Energie und Wasserwirtschaft. Zuvor war sie Staatsministerin im Kanzleramt. Das Interview führte Dagmar Dehmer.

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