Wirtschaft : Gasmarkt: Interview: "Hoffentlich bleibt uns eine Regulierungsbehörde erspart"

Herr Genge[die Gespräche über eine Verb]

Burkhard Genge (63) ist Sprecher der Wingas-Geschäftsführung. Wingas ist eine Gemeinschaftsfirma der BASF-Gruppe und der russischen Gazprom.

Herr Genge, die Gespräche über eine Verbändevereinbarung Gas sind gescheitert. Wie geht es weiter?

Gescheitert würde ich nicht sagen. Nach meinem Eindruck ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Natürlich bedauern wir sehr, dass es trotz monatelanger Verhandlungen noch immer nicht gelungen ist, sich auf Durchleitungsbedingungen zu verständigen. Allerdings hoffen wir, dass uns eine Regulierungsbehörde mit ihrem enormen bürokratischen Aufwand erspart bleibt.

Der Erdgasmarkt ist seit achtzehn Monaten liberalisiert. Wann können die Kunden ihre Lieferanten selbst aussuchen?

Wir müssen viele Hürden überwinden. Das zentrale Problem ist dabei: Wie ermitteln wir den Verbrauch der Kunden?

Das kann doch nicht so kompliziert sein.

So einfach ist das leider nicht. Das Gas nimmt einen langen Weg von der Grenze bis zum Kunden; mit vielen Beteiligten vom Gasimporteur über den Regionalverteiler bis zum Stadtwerk. Bei Kleinstmengen für einen Privathaushalt ist das kaum zu handhaben. Der organisatorische Aufwand ist gigantisch, das rechnet sich nicht.

Die Elektrizitätsversorger haben das längst in den Griff bekommen.

Die hatten anfangs dasselbe Problem und haben erst einmal keinen Strom durch fremde Leitungen durchgeleitet, sondern dem Regionalversorger Strom für ihre neu gewonnenen Kunden abgekauft.

Jetzt funktioniert der Wettbewerb im Strommarkt. Warum kopiert die Gaswirtschaft das Modell nicht einfach?

Bei Strom haben Sie den Vorteil, dass es überall im Land Kraftwerke gibt, wir also Strom selbst produzieren. Erdgas wird jedoch vorwiegend importiert und kommt nur an einigen wenigen Stellen über die Grenze. Außerdem: Strom ist Strom, bei Gas gibt es ganz unterschiedliche Qualitäten, die natürlich auch verschiedene Preise haben. Die Verbrauchsmenge an Erdgas aus Russland oder aus der Nordsee können Sie zwar mit denselben Messgeräten erfassen, nicht aber die unterschiedlichen Leistungswerte dieser Mengen. Das ist aber wichtig für die korrekte Abrechnung. Wenn es solche Geräte gibt, ist das Problem gelöst.

Wie stark werden die Preise voraussichtlich sinken?

Wenn die viel zu lange Lieferkette verkürzt würde, könnten automatisch die Preise sinken. Der Verbraucher zahlt im Schnitt ohne Abgaben und Steuern etwa dreimal so viel wie der Importeur an der Grenze. Wie stark die Preise fallen werden, wage ich jetzt nicht vorherzusagen.

Der Energiekonzern Eon will Ruhrgas übernehmen. Wäre dies das Ende des Wettbewerbs auf dem deutschen Erdgasmarkt, wie manche meinen?

Damit würde in der Tat das Ziel der Liberalisierung - nämlich günstigere Preise für die Verbraucher zu bekommen - in einem großen Teil des Gasmarktes unterlaufen. Die alten Monopole werden durch ein Oligopol ersetzt. Der Markt wird verstopft, weil Eon-Ruhrgas vom Import über den Ferntransport bis zum Stadtwerk weite Teile des deutschen Marktes kontrollieren würde. Ohne weitreichende Auflagen für die Fusion werden daher Behinderungen des Wettbewerbs förmlich zementiert.

Wingas ist doch auch einer dieser Oligopolisten, das heißt eines der wenigen großen Gasunternehmen, die sich den Markt dann aufteilen?

Nein. Wir beteiligen uns nicht an Stadtwerken. Das sind unsere Kunden. Sich Märkte zu sichern, indem man die Kunden kauft, hat nach unserer Auffassung nichts mit Liberalisierung zu tun. Wenn Eon und Ruhrgas fusionieren, verschärft sich zweifellos die Situation, dass eine Firma wie wir keine Chance mehr hat, an solche Stadtwerke zu liefern, die Wettbewerber oder Stromkonzerne als Gesellschafter haben. In der Praxis sieht das heute schon so aus: Von 15 neuen Stadtwerken, die wir in den vergangenen anderthalb Jahren gewonnen haben, sind 14 fest im kommunaler Hand und damit völlig unabhängig in ihren Einkaufsentscheidungen. Selbst mit kleinsten Beteiligungen an Stadtwerken wird deren Einkaufspolitik beeinflusst.

Ich dachte immer, der Kunde hat jetzt die freie Wahl seines Lieferanten?

Im Tankstellenmarkt kann sich der Kunde in jeder Sekunde für einen der wenigen Anbieter entscheiden. Bei Erdgas fürs Haus geht das nicht. Da müssen sie erst einmal komplizierte Ummeldungsprozeduren in Gang setzen. Seit der Liberalisierung des Strommarktes haben erst drei Prozent der Kunden den Lieferanten gewechselt. Das spricht für sich.

Das Kartellamt hat Eon gestoppt. Jetzt soll der Wirtschaftsminister eine Sondererlaubnis geben. Argument: Nicht die Wettbewerbsbeschränkungen in Deutschland zählen, sondern die Bildung eines international wettbewerbsfähigen Energiekonzerns.

Das Argument kann ich nicht nachvollziehen. Der Markt in Europa wächst immer enger zusammen. Was bedeutet bitte in diesem Zusammenhang "deutsche Firma"?

Ihre Eigentümer sind der Chemiekonzern BASF und der russische Erdgasproduzent Gazprom. Brauchen Sie nach einer Fusion von Eon und Ruhrgas zum größten Energiekonzern Europas auch einen weiteren Partner, RWE beispielsweise?

Wir haben finanzkräftige Aktionäre. Diese Fragen müssten Sie eigentlich denen stellen. Trotzdem kann ich als Geschäftsführer der Wingas sagen: Das sind nur Gerüchte und wir wären froh, wenn diese Gerüchte endlich vom Markt wären.

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