Gasmarkt : Karten werden neu gemischt

Der milliardenschwere Bau der neuen Ostsee- Gaspipeline gilt nicht nur für die deutschen Energiekonzerne E.on und BASF als wichtige Weichenstellung.

Essen/Kassel (08.09.2005, 15:31 Uhr) - In der deutschen Energiewirtschaft werden die Karten unter den Gaslieferanten damit neu gemischt. Bis zu 40 Prozent der deutschen Gasverbrauchs werden nach Expertenschätzungen künftig aus russischen Quellen des weltgrößten Gaskonzerns Gasprom gedeckt. «Wir sind für die Zukunft noch stärker auf russisches Gas angewiesen», sagte der Chef der BASF-Tochter Wintershall Reinier Zwitserloot bereits vor einigen Tagen mit Blick auf den weltweit steigenden Energiebedarf.

«Deutschland hängt dann am Tropf russischen Gases», stellt der Berliner Wissenschaftler Rainer Lindner fest. «Man muss dann mit einer hohe Abhängigkeit leben», sagt der Russlandexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Die durch den Bau der Unterwasserpipeline an dem Projekt nun nicht beteiligten Staaten wie Polen meldeten bereits Protest an. Dort fürchtet man um Transiteinnahmen und die Versorgungssicherheit. Der Bau einer Überland-Pipeline hätte nach einer Experten-Schätzung bis zu 2,4 Milliarden Euro eingespart. Mögliche politische Rücksichtnahmen wären der Preis für die Durchleitung gewesen.

Ab dem Jahr 2010 sollen nach der am Donnerstag geschlossenen Vereinbarung zunächst jährlich 27,5 Milliarden Kubikmeter Gas durch die rund 1200 Kilometer lange Pipeline fließen. Später soll die Menge durch einen weiteren Ausbau verdoppelt werden. Die Investitionen werden offiziell mit «mindestens vier Milliarden Euro» beziffert. Fachleute gehen jedoch von Gesamtkosten von fünf bis sechs Milliarden Euro aus.

Der Löwenanteil davon werde voraussichtlich von der deutschen Industrie aufgebracht werden müssen, meint Lindner. Die genaue Finanzierung gilt jedoch noch als unklar. Zu einem möglichen Weiterbau der Pipeline könnten auch noch europäische Partner mit ins Boot geholt werden. Mit 51 Prozent hält Gasprom neben den deutschen Partnern E.ON und BASF die Mehrheit an dem Projekt.

Milliardenschwere Engagements in den russischen Gasmarkt haben sowohl bei der E.ON Ruhrgas als auch bei der BASF-Tochter Wintershall eine lange Tradition. Vor 35 Jahren hatte die damalige Ruhrgas mit der Besiegelung des so genannten «Erdgas-Röhren-Geschäfts» die Weichen für den Gas-Export in großem Stil nach Deutschland gestellt.

Zu den noch auf Jahrzehnte abgeschlossenen Lieferverträgen kam 1998 mit dem Kauf eines Anteils von 2,5 Prozent ein direktes Engagement der Essener bei dem russischen Gasgiganten. Unter der Regie des im Gasprom-Direktorenrat vertretenen E.ON Ruhrgas-Chefs Burckhard Bergmann stieg die Beteiligung auf knapp 6,5 Prozent.

Für die BASF-Tochter Wintershall ist die Ostsee-Pipeline ebenfalls ein weiterer Schritt zum Ausbau des für das eigene Wachstum wichtigen Russlandgeschäfts. Seit 15 Jahren arbeitet das Kasseler Unternehmen mit der Gasprom zusammen. Die mit dem Gemeinschaftsunternehmen Wingas gestartete Kooperation wird nun auf die gemeinsame Förderung und den gemeinsamen Transport von Gas ausgedehnt. «Vom Bohrloch bis zur Vermarktung haben wird nun einen gemeinsamen Strang, über die ganze Wertschöpfungskette hinweg sind wir Partner», erklärte Wintershall- Sprecherin Antje Schabacker am Donnerstag.

Als erstes deutsches Unternehmen sind die Kasseler über das 2004 mit dem staatlichen Monopolisten Gasprom gegründete Partnerunternehmen Achimgaz künftig bei der Förderung von Erdgas in Russland aktiv. Vom Gasfeld Juschno-Russkoje aus soll das Gas durch die Ostsee-Pipeline nach Deutschland gelangen und unter anderem von der Wingas in Europa vermarktet werden. (tso/dpa)

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