Gastbeitrag : Die Bahn muss die Weichen neu stellen

Früher Behörde, heute Konzern – was 20 Jahre Bahnreform gebracht haben.

Michael Cramer
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Vor 20 Jahren ist aus der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn die Deutsche Bahn AG entstanden. An diese Reform erinnert das Unternehmen an diesem Dienstag mit einer Festveranstaltung. Das Ziel waren mehr Verkehr auf der Schiene, weniger öffentliche Mittel und mehr Kundenorientierung.

Was wurde erreicht? Der partiell bessere Service ist ein Pluspunkt. Doch es überwiegen die Verschlechterungen. So stiegen die Ticketpreise um insgesamt 35 Prozent, viele Schalter wurden geschlossen, die Pünktlichkeit dramatisch schlechter. Die Werbung aus den sechziger Jahren – „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ – wäre heute, insbesondere nach dem Berliner S-Bahn-Desaster, ein Witz. Und ein Chaos wie in Mainz, wo plötzlich Stellwerks-Personal fehlte, hat es in der Eisenbahngeschichte nur im Krieg gegeben.

Der alleinigen Orientierung am Profit fielen die erfolgreichen Interregio-Züge zum Opfer. Deren Kosten wurden auf die Länder übertragen. Weil hohe Mieteinnahmen im neuen Berliner Hauptbahnhof wichtiger waren, wurde der Bahnhof Zoologischer Garten vom Fernverkehr abgekoppelt. Für 65 Prozent der Berliner Kunden wurden so die Fahrzeiten länger.

Ein höherer Marktanteil im Verkehrssektor wurde trotz Milliardeninvestitionen nicht erreicht. Im Fernverkehr sind die Fahrten seit 1994 von 139 auf 131 Millionen sogar gesunken – der innerdeutsche Luftverkehr stieg im selben Zeitraum um 70 Prozent.

Erfreulich ist die Entwicklung im Personennahverkehr – oft zur Überraschung der Konzernspitze. Die Usedomer Bäderbahn wollte sie stilllegen, weil sie nicht profitabel genug erschien. Heute haben sich die Fahrgastzahlen verzehnfacht. Das Ende drohte auch der Regionalbahn von Kaarst über Düsseldorf nach Mettmann. Bürgermeister und Landräte übernahmen die Strecke, heute sind hier statt 500 rund 23 000 Fahrgäste täglich unterwegs.

Die enttäuschende Bilanz der Bahnreform ist jedoch auch auf eine ungerechte Verkehrspolitik zurückzuführen. Bei der Lkw-Maut gab es keine Ausweitung oder Erhöhung, Busse zahlen keine Maut, die schwarz-rote Pkw- Maut ist nur Populismus, und der klimaschädliche Luftverkehr genießt enorme Steuervorteile.

Nicht erreicht hat die Bahn die angestrebte Kostensenkung für den Staatshaushalt, der Betrag ist nahezu konstant geblieben. Diese schlechte Bilanz ist auch falschen Weichenstellungen zugunsten milliardenschwerer Prestigeprojekte geschuldet. Entscheidungen des DB-Konzerns führen dazu, dass im ganzen Land das Schienennetz schlechter wurde. Seit 1994 wurde fast ein Fünftel des Netzes abgebaut. Selbst in Landeshauptstädten wie Potsdam oder Magdeburg halten fast nur Regionalzüge. Von den Gleisanschlüssen für Firmen wurden 80 Prozent entfernt.

Nach einer kritischen und ehrlichen Analyse der vergangenen 20 Jahre sollte die DB die Weichen neu stellen. Vor allem die Herren und wenigen Damen, die von der Bahnreform besonders profitiert haben: Die Bezüge für die Bahnchefs haben sich verzwanzigfacht, die der Vorstände und Aufsichtsräte verzehnfacht.

Michael Cramer (64) ist Mitglied im Europaparlament für die Grünen.

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