Gastkommentar : Neues Selbstbewusstsein am Golf

Die arabische Wirtschaft sieht sich als Krisengewinner und fordert mehr Verantwortung. Man empfindet Verwunderung und ein wenig Häme darüber, dass die Schwellenländer sich schneller erholt haben als die Industrieländer.

Jürgen Hogrefe
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Foto: picture-alliance/Schroewig/EvaSCHROEWIG/News & Images

Es ist ja nicht selbstverständlich, dass in Dschidda, der Wirtschaftsmetropole des konservativen Saudi-Arabien, eine internationale Wirtschaftskonferenz stattfindet, auf der jeder sagen kann, was er will. 2009 war das „Jeddah Economic Forum“ ausgefallen. Wegen des Gazakriegs, sagen manche. Andere lassen sich nicht davon abbringen, dass die Hüter der Staatsräson in Riad verhindern wollten, dass Ökonomie und Gesellschaft – lokal wie global – mehrere Tage lang für rund 1500 Teilnehmer zur Diskussion stehen. Zumal im liberalen Dschidda einheimische Frauen mitreden dürfen, die, anders als in Riad, dabei sogar ihr Gesicht und ihre unbekleideten Hände zeigen.

Dieses Jahr fand das „Jeddah Economic Forum“ statt und zeigte: Gründlicher und kompetenter und mit einem klareren Hang zur Aufrichtigkeit wird im arabischen Raum nur selten diskutiert. Die versammelten Unternehmer, Akademiker, Verwalter und Berater besichtigten drei Tage lang – das Treffen endete am Dienstag – bestürzt die Trümmerlandschaft der globalen Wirtschaft. Und versuchten, die Folgen zu begreifen. Der Schock über die Ruchlosigkeit der angelsächsischen Kasino-Banker sitzt tief. Bestürzt stellen die Saudis zudem fest, dass sie auf den Crash kaum vorbereitet waren. Stolz registrieren sie dagegen, dass die Golfstaaten weniger Schaden genommen haben als die Mutterländer der Marktwirtschaft.

Das Ideal vom unwiderstehlich fortschreitenden Kapitalismus, der Gutes aus ständigem Wachstum gebiert, ist am Golf jedenfalls zur Fata Morgana verdampft. Mittlerweile trennt ein tiefer Riss die USA und den einst treuesten Verbündeten am Golf. Die Dollar-Schwäche und die Instabilität der US-Wirtschaft macht den Arabern Sorgen. Ob die Amerikaner konsumieren oder nicht, dürfe nicht länger über das Wohlergehen der Weltwirtschaft entscheiden, heißt es. Gleichwohl: Eine radikale Abkehr vom Bisherigen strebte in Dschidda niemand an. Der Dollar soll einstweilen die Leitwährung bleiben – da war man sich einig, vor allem, weil die Alternativen fehlen. Die Europäer zeigen zu wenig Ehrgeiz, die Lücke zu füllen. Und die Chinesen wollen ihre Währung noch nicht freigeben.

Die Wucht der Krise hat die Pforte zu einem neuen Gedankengebäude aufgestoßen: „Wir müssen Verantwortung für die Weltwirtschaft übernehmen!“ dämmert es den Golfarabern. Man empfindet Verwunderung und ein wenig Häme darüber, dass die Schwellenländer sich schneller erholt haben als die Industrieländer. Eher scheu und unsicher gehen die Kapitalisten aus dem Morgenland noch mit dem Umstand um, dass sie (wie auch China) nun die westlichen Volkswirtschaften mit gewaltigen Investitionen aufpäppeln müssen. Doch schien in Dschidda eine zweite Phase der Globalisierung auf. Künftig wollen die Aufsteiger mitreden – sie haben mehr Kohle im Tender als die alten Lokomotiven der Weltwirtschaft.

Jürgen Hogrefe nahm an dem Forum teil und sitzt im Präsidium der deutsch-arabischen Handelskammer Ghorfa. Der Ex-Journalist war bis Ende 2008 Generalbevollmächtigter des Energiekonzerns EnBW.

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