Wirtschaft : Gates’ einsame Gedanken

Was der Microsoft-Gründer in seiner Klausur ersinnt, bestimmtdie Zukunft des Konzerns und der Branche

Robert A. Guth

Ein Weg, um in die Zukunft der Informationstechnik zu blicken, ist es, einer gewundenen Straße in einen Zedernwald im Nordwesten der USA zu folgen. Hier steht Bill Gates, einer der größten Vordenker der Computerbranche, an einem sonnigen Donnerstagnachmittag im Februar allein am Zaun vor seinem abgeschiedenen Cottage.

„Hi, danke fürs Kommen“, begrüßt der Gründer des Softwarekonzerns Microsoft seinen Besucher. Offenbar freut er sich nach vier Tagen Einsamkeit in seiner Hütte am See über Gesellschaft. Zweimal im Jahr begibt sich der 49-Jährige für eine Woche in Klausur. Seine „Think- Week“ nutzt er, um über die Zukunft der Informationstechnik zu sinnieren und seine Gedanken anschließend im Microsoft-Imperium umzusetzen.

Gates’ „Think-Weeks“ sind folgenschwer: Sie haben nicht nur Auswirkungen auf die Zukunft von Microsoft, sondern mitunter auch auf die gesamte Computerbranche: Manchmal verhilft Gates’ Klausur einer neuen Technologie zum Durchbruch, die später Millionen Menschen anwenden. Und zuweilen fällt dort der Entschluss, Microsoft in neue Märkte zu schicken. Nach einer Klausur im Jahr 1995 etwa schrieb Gates „The Internet Tidal Wave – Die Flutwelle Internet“. Das führte schließlich dazu, dass Microsoft einen eigenen Internet-Browser entwickelte, um Netscape vom Markt zu drängen. Auch dass der Konzern einen Tablet-PC entwickelte, verstärkt an der Sicherheit seiner Software arbeitete und ins Geschäft mit Online-Videospielen einstieg – all diese Entscheidungen waren Ergebnisse der „Think-Week“.

Kein Wunder, dass Gates’ Klausurwochen in der Computer-Industrie berühmt sind. Was der Microsoft-Gründer dort treibt, war bisher ein streng gehütetes Geheimnis. Nun ist Bill Gates erstmals bereit, einem Journalisten sein Versteck zu zeigen – unter der Bedingung, dass der Ort geheim bleibt.

Wie läuft also die „Think-Week“ ab? Normalerweise reist Gates in einem Hubschrauber oder einem Seeflugzeug zu seinem einfachen, zweistöckigen Cottage, das direkt an einem ruhigen See liegt. Während seiner Klausur lässt er keinen Besuch hinein, nicht einmal seine Familie oder Mitarbeiter. Nur eine Hilfskraft kommt zweimal vorbei, um ihm einfache Mahlzeiten zu bringen.

Gleich nach dem Aufwachen, noch im Bett, macht sich Gates ans Lesen von Berichten über neue Produktideen, Verbesserungsvorschläge oder Trends im Computermarkt. Die meisten „Papers“ stammen von Ingenieuren, Führungskräften und Produktmanagern aus dem Unternehmen. Während Gates die Dokumente durchliest, kritzelt er kurze Anmerkungen auf das Deckblatt. Das Frühstück lässt er aus. Dann läuft er auf Strümpfen ins obere Stockwerk und liest an seinem Schreibtisch weitere Berichte. Sein Grundnahrungsmittel in dieser Woche ist ein ständiger Strom des Softdrinks „Diet Orange Crush“. Zur Mittags- und Abendbrotzeit geht er nach unten. Selbst beim Essen am Küchentisch – mit Blick auf die Olympic Mountains – hört er mit dem Lesen nicht auf. An diesem Donnerstag gibt es gegrilltes Käsesandwich und Fischsuppe.

An manchen Tagen arbeitet Gates 18 Stunden durch. Nach vier Tagen hat er bereits 56 Berichte gelesen. Sein Rekord waren bisher 112 Berichte in einer „Think-Week“. „Ich weiß nicht, ob ich meinen Rekord erreiche“, sagt Gates. „Aber ich schaffe sicherlich 100 Berichte.“ Was hat er bereits Interessantes gelesen? „Ach, lassen Sie uns einfach schnell nach oben gehen“, sagt Gates, „dann sehen Sie, wo ich meine ganze Zeit verbringe.“ Er erhebt sich schnell und läuft, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf in sein Büro.

Der Schreibtisch befindet sich direkt am Fenster mit Blick auf den See; auf der Tischplatte stehen zwei Dell-Computerbildschirme. Daneben ein Bücherregal mit Literaturklassikern, an der Wand ein Porträt von Victor Hugo. Der Boden ist mit Dokumenten übersät, auf dem leuchtend orangefarbenen Deckblatt steht „Microsoft Confidential“. Weiteres Mobiliar: ein kleiner Kühlschrank, der mit „Diet Orange Crush“ und „Diet Coke“ gefüllt ist. Das Kühlgerät – ebenso wie eine Toilette neben dem Büro – kam erst in den vergangenen Jahren hinzu. Gates erspart sich damit den Gang nach unten – und maximiert die Lesezeit.

Die Berichte, die der Microsoft-Chef so emsig liest, handeln von Themen wie dem Wachstumspotenzial des Online-Videogeschäfts, der Kapazität von Festplattenlaufwerken, der Entwicklung der digitalen Fotografie und Computertrends 2005. Knapp 300 Dokumente hat Bill Gates mitgebracht.

„Hier gibt es einen Bericht über Sicherheit“, sagt er, „das ist einfach ein Durchbruch!“ Mit tintenverschmierten Händen sitzt er am PC und klickt auf einen Bericht mit dem Titel „Can We Contain Internet Worms? – Können wir Internetwürmern Einhalt gebieten?“. Das Dokument stammt vom englischen Microsoft-Entwicklungsteam und zeigt neue Wege auf, wie Microsoft die Verbreitung der Computerschädlinge stoppen kann. Zum Thema Sicherheit von Software gibt es übrigens die meisten Berichte.

Gates liest und denkt nicht nur viel in seiner „Think-Week“, sondern produziert eine Flut von Notizen und E-Mails an Mitarbeiter in der ganzen Welt. Die Angestellten wiederum blicken erwartungsvoll der „Think-Week“ entgegen. Sie hoffen auf grünes Licht für ihre Projekte oder dass ihre Ideen die künftige Strategie des Konzerns beeinflussen. „Es ist das coolste Vorschlagswesen der Welt“, sagt Stephen Lawler, ein Geschäftsführer von Microsofts MapPoint-Gruppe.

Im Fall des Würmer-Berichts hat Gates schon in den frühen Morgenstunden eine Mail hinausgeschickt. Die Idee der englischen Entwickler sei fast zu gut, um wahr zu sein, und müsse einen Haken haben, schreibt er an die Führungsspitze von Microsoft. Aber wenn nicht, sagt er dem Besucher, „müssen wir diese Sache einsetzen“. Schon am Morgen hat er Antwort- Mails, auch aus Cambridge.

Die Tradition der „Think-Week“ reicht zurück bis in die 80er Jahre. Der ursprüngliche Anlass war übrigens, seine Großmutter zu besuchen und die Zeit mit Lesen und Strategieentwürfen sinnvoll auszufüllen. Heute kann jeder Mitarbeiter, egal auf welcher Hierarchiestufe, Berichte einreichen. Ein Assistent von Gates trifft eine erste Auswahl.

Als an jenem Donnerstag im Februar die Sonne über dem See untergeht, nimmt sich Gates vor, noch 24 Berichte vor dem Schlafengehen zu lesen. „Da ich heute Nacht gut geschlafen habe“, sagt er, „werde ich bis zwei oder drei arbeiten.“

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