Wirtschaft : Gazprom: Ruhrgas-Vertreter im Aufsichtsrat des russischen Erdgas-Monopolisten

win

Auf den ersten Blick betrachtet, verlief die Jahreshauptversammlung von Gazprom, dem weltweit größten Gasexporteur, ohne Sensationen. Der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Viktor Tschernomyrdin hatte schon im Vorfeld der Versammlung seinen Rücktritt angekündigt. Tschernomyrdin, bis März 1998 Premierminister Russlands und Ende der Achtziger Gründervater von Gazprom, begründete seinen Entschluss damit, dass er sich künftig mehr auf seine Arbeit als Dumaabgeordneter konzentrieren wolle.

Eine Sensation stellt die Wahl des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Ruhrgas, Burckhard Bergmann, in den Aufsichtsrat dar. Die Ruhrgas stellt den ersten Ausländer im Aufsichtsrat des russischen Erdgasmonopolisten. Gazprom hat damit am Freitag einen entscheidenden weiteren Schritt zu seiner Öffnung für ausländisches Kapital getan. Bergmann erhielt bei der Gazprom-Hauptversammlung in Moskau 7,69 Prozent der Stimmen der Aktionäre. Die Essener Ruhrgas AG ist mit vier Prozent an Gazprom beteiligt. Ein weiteres Prozent der Anteile ist in Form von American Depositary Receipts auf dem internationalen Anlagemarkt. Bergmann versicherte, er werde im Aufsichtsrat im Interesse von Gazprom handeln und nicht als Interessenvertreter von Ruhrgas. Zu einer möglichen Aufstockung der Ruhrgas-Beteiligung sagte Bergmann, derzeit stehe dazu keine Entscheidung an.

Die Nachfolge Tschernomyrdins trat Dmitrij Medwedjew an. Medwedjew ist erster stellvertretender Chef des Präsidentenamtes und mit Wladimir Putin seit der gemeinsamen Studienzeit in St. Petersburg engstens befreundet. Er betonte, er wolle die Interessen des Staates vertreten. In den elfköpfigen Aufsichtsrat wurden neben Medwedjew weitere hochrangige Politiker gewählt: Der Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, German Gref, einer der Autoren von Putins Wirtschaftsprogramm, das die Regierung am Donnerstag verabschiedete, Ilja Juschanow, der Chef des Kartellamtes und der für Energiepolitik zuständige Vizepremier Viktor Christenko.

Wieder gewählt wurde auch Vorstandschef Rem Wjachirew, dessen Hausmacht die Gazprom-Manager sind. Russische Medien hatten orakelt, die Tage Wjachirews, dessen Vertrag im nächsten Mai ausläuft, seien gezählt. Der Aufsichtsratsvorsitzende Medwedjew erklärte jedoch, gegenwärtig seien keine Änderungen an der Spitze des Konzerns geplant.

Rem Wjachirew, der auch das staatliche Aktienpaket von 38 Prozent treuhänderisch verwaltet, ist als ausgewiesener Vorkämpfer für größere Selbstständigkeit des Unternehmens in Regierungskreisen nicht wohl gelitten. Der Kreml versuchte mehrfach vergeblich, Zugriff auf die Finanzen des Unternehmens zu bekommen und dessen Kreditpolitik zu beeinflussen. Immerhin hatte Gazprom im vergangenen Jahr einen Umsatz von 18 Millarden Dollar und finanziert mit seinen Steuern den russischen Haushalt zu gut einem Viertel.

Auch oder vielmehr gerade unter Putin, so bangt Wjachirew offenbar, könnte es weitere Versuche geben, das Unternehmen wieder an der kurzen Leine zu führen. Das sollen Änderungen im Statut verhindern. Künftig definiert sich Gazprom nur noch als "einheitlicher Komplex" und nicht mehr als "einheitlicher industriell-finanzieller Komplex". Damit, so die Wirtschaftszeitung "Kommersant" könne der Vorstand künftig Konzerntöchter ohne den Segen der Aktionäre verkaufen. Gleichzeitig wurde beschlossen, dass Gazprom fortan nicht mehr 100 Prozent an einem Unternehmen erwerben darf, sondern nur in Gemeinschaft mit einem anderen Partner.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben