Wirtschaft : Geb. 1900

Valeska von Briskorn

Thomas Loy

Sie hatte eine Seele, ein Herz und zum Anziehen schöne Kleider. Mehr brauchte sie nicht.

Als sie 101 war, kam ein Fotograf und brachte sie zum Lachen. Es war ein unbeschwertes Lachen direkt aus dem Inneren der Seelenkammer. Die etwas zauseligen weißen Haare, die vielen krusseligen Fältchen, die Altersflecken wurden ganz lebendig, tanzten wie entfesselt auf ihrem Gesicht eine Polka. Valeska von Briskorn hatte nach dem Inferno der Kriege, Revolutionen und Vertreibungen ihr beseeltes Lachen nicht verloren.

Ein Leben, das durch ein ganzes Jahrhundert reicht, wirkt auf der Schablone abstrakter Geschichtsschreibung seltsam unwirklich. Valeska von Briskorn war keine Zeugin der Zeitläufte. Sie drängte sich nicht in den Vordergrund, führte kein Buch über ihre Erlebnisse. Sie machte keine Geschichte, sie erlitt sie allenfalls.

Wobei Erleiden vielleicht nicht das richtige Wort ist. Es entspräche der baltendeutschen Mentalität nicht, sagt die Tochter Renate. Deutsche Ordensritter und Kaufleute hatten das Land vor 700 Jahren erobert und christianisiert. Das wirkte nach. Der Stolz der Vorfahren, verbunden mit einem ehernen Sittengesetz ruhten auch in Valeska von Briskorn und immunisierten sie gegen die Drangsal der Ereignisse. Ein wichtiges Gebot der Vorfahren hieß: Sei stark und beklage dich nicht!

Der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution, der Zweite Weltkrieg, die Flucht, der Eiserne Vorhang – Valeska von Briskorn überlebte alles nahezu unbeschadet. „Wo man sie hinstellte, arbeitete sie“, sagt die Tochter. Die Mutter sorgte sich um ihre Kinder, feierte mit ihren fünf jüngeren Schwestern und dem älteren Bruder die Festtage des Jahres. Psychologie lehnte sie ab. Was ist das, Psychologie? Selbstverwirklichung? Emanzipation? Valeska von Briskorn hatte eine Seele, ein Herz und zum Anziehen schöne Kleider. Mehr brauchte sie nicht. Mehr wollte sie nicht.

Begeben wir uns in eine andere Welt: Riga um 1900. Eine alte deutsch-lettische Hanse- und Handelsstadt, dem Zaren untertan. Im Dezember wird Valeska geboren. Die Familie der Mutter besitzt eine Equipagenfabrik in Petersburg. Man ist nicht reich, aber vermögend. 1910 siedelt die Familie nach Petersburg über. Valeska kommt auf ein deutsches Gymnasium. Kurz vor dem Abitur bricht die Revolution aus, und plötzlich wird nur noch auf Russisch unterrichtet. Valeska lernt, Schlange zu stehen für die wenigen Lebensmittel, die es noch zu kaufen gibt.

Die Familie wird nach Riga zurückgeschickt. Valeska macht eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin und arbeitet in einer Bank. 1928 heiratet sie den Kaufmann Bernhard von Briskorn, bekommt vier Kinder und fügt sich in die vorgegebene Mutterrolle ein. Sie näht Kleider für die Kinder, begleitet ihre Gesänge auf dem Klavier, knüpft Freundschaften und organisiert das Familienleben. Vergnügungen, die das strenge Sittengesetz ablehnt, meidet sie: Fahrradfahren oder das Baden am weißen Ostseestrand. Erlaubt waren Spazierengehen und Schlittschuhlaufen.

Im Herbst 1939 wird Valeska von Briskorn ein zweites Mal vertrieben. Hitler hat das Baltikum Stalin überlassen – 64 000 Baltendeutsche werden auf Schiffen ins Reich oder gleich ins annektierte Polen gebracht. In der Nähe von Posen kommen die Briskorns auf dem Gut eines Bekannten unter. Valeska übernimmt die Hauswirtschaft. Ihr Mann erkrankt bald an Tuberkulose und stirbt 1943.

Zwei Jahre später folgt die nächste Vertreibung. Diesmal geht es in Richtung Berlin, doch die Rote Armee überholt die Flüchtlinge. Von den schlimmen Dingen, die damals geschahen, schwieg Valeska. Sie erzählte nur, was die Moral stärkte. Da sie Russisch sprach, vermittelte sie zwischen Siegern und Besiegten und unterrichtete später in einer Schule. Nach einem Jahr zog die Familie weiter in die Nähe von Kiel zu einem Schwager. Valeska arbeitete in einer Kofferfabrik und fand sich langsam zurecht. Die Heimat hatte sie verloren, aber die große Familie war noch da. Ihre Tochter vermittelte ihr schließlich eine Stelle als Heimleiterin im Johannesstift in Spandau. Dort arbeitete sie bis zum 70. Lebensjahr als mütterliche Seelsorgerin der Senioren. Wieder entstand eine große Familie um sie herum. Das Kümmern und Besuchen und Pflegen war ihr Lebenselexier.

Sie selbst hütete äußerst selten krank das Bett. Erst nach ihrem 100. Geburtstag musste sie ins Pflegeheim. Zuletzt, als die kleinen Schlaganfälle kamen und die Körperfunktionen langsam erloschen, pochte das Herz noch munter weiter. Es war ein baltisches Herz. Von selbst hätte es niemals aufgehört zu schlagen.

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