Wirtschaft : Geb. 1904

Nora Noth

Ursula Engel

Besser spät als nie. Sie hatte die Zeit für ein erfülltes Leben.

Tu’s gleich“, sagte Nora Noth oft zu ihren Kindern. Denn sie selbst brauchte für manches einen zweiten Anlauf: in der Schule, im Beruf und in der Liebe. „Ich war oft nicht selbstbewusst genug“, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Aber sie gehörte ja auch zu einer Generation, die von der Geschichte hin- und hergeworfen wurde. Viele gingen wie sie ihren Weg mit Verzögerung, änderten mehr als einmal die Perspektive. 1929 machte sie im zweiten Anlauf das Abitur, da war sie schon 25 Jahre alt. Sie wollte studieren. Und weil das Soziologiediplom in Heidelberg ihr dann nicht ausreichte, machte sie noch im Eiltempo ihren Doktor. „Wert auf ihren Doktortitel hat sie später nie gelegt“, sagt ihr Sohn. „Meistens hat sie ihn nicht einmal benutzt.“

Im Frühling 1941 stand die Soziologin Dr.Nora Noth mit ihrem Mann, einem Architekten, auf ihrem gerade erworbenen Stückchen Land auf der Halbinsel Zingst. Sie hatte einen Spaten in der Hand, er ein Buch über Landwirtschaft. So begann für die 37-Jährige das Leben als Landwirtin. Damals war der Alltag für die Familie vor allem hart und arbeitsreich, ganz ohne ländliche Romantik. Als spinnerte Städter wurden sie belächelt. Die Bauern mit ihren Ackergäulen amüsierten sich darüber, dass die Noths Shetlandponys hielten. Bis die schweren Kaltblüter irgendwann im Morast feststeckten und und von den leichten Ponys rausgezogen wurden.

Als der Krieg verloren war, bot man dem Architekten eine Professur an der Berliner Hochschule der Künste an. Immer häufiger war er nun in der Stadt und nicht mehr bei seiner Frau und den drei Kindern. Er machte Karriere an der Uni, bekam Aufträge. „Meine Mutter war damals sehr unglücklich und einsam. Wie gut, dass sie Kontakt zum Dorfarzt hatte.“ Der kümmerte sich um sie. Bei seiner abendlichen Tour mit dem Fahrrad hielt er vor ihrem Hof, sah nach, ob alles in Ordnung war. Bald wurde im Dorf getuschelt. Doch erst später sollte mehr als Fürsorge und gegenseitiger Trost daraus werden.

1951 zog sie schweren Herzens mit den Kindern zu ihrem Mann nach Berlin. Die Familie und der Garten in der Flatowallee wurden zu ihrem Lebensinhalt. Hin und wieder schrieb sie Artikel über Architektur für Fachzeitschriften. Mehr war aus ihren eigenen wissenschaftlichen Ambitionen nicht geworden. „Sie war ein sozialer Mensch. Die Familie bedeutete ihr alles“, sagt der Sohn. Erst als ihr Mann schwer krank wurde und schließlich starb, traf sie zwei wichtige Entscheidungen, vielleicht die mutigsten in ihrem Leben. Sie entschied sich für die Liebe und lebte nun mit dem Dorfarzt von einst in Berlin. Und sie suchte sich Arbeit. Mit über 60 Jahren verdiente sie zum ersten Mal ihr eigenes Geld.

Rein zufällig gelangte sie in das Büro der Kriegsgräberfürsorge. Nach kurzer Zeit schon leitete sie das Büro. Sie wurde für die Organisation zur Verbindungsstelle in den Osten. Mit detektivischem Eifer suchte sie nach Vermissten, forschte, in welchen entlegenen Orten gefallene Soldaten begraben waren. Sie knüpfte unzählige Kontakte zu Pfarrern und Oppositionellen in der DDR, war immer wieder zu geheimen Treffen im Osten der Stadt unterwegs. Als „Tante Lara“ inserierte sie geheime Botschaften in der Zeitung. Es war eine Arbeit, die Koordination, Spürsinn, Mut und Mitgefühl erforderte. Vielen Menschen brachte sie in den folgenden Jahren die Nachricht vom Tod des geliebten Angehörigen und damit auch das Ende der quälenden Ungewissheit.

Nora Noth war schon weit über 80, als ihre Kinder sie ermahnten: „Hör auf, so lange man noch traurig ist, dass du gehst!“ Nora Noth tat es, ging in Rente – untätig blieb sie jedoch nicht. Von der Familie ermutigt begann sie ihre Geschichte aufzuschreiben.

Jahre vergingen. Das Buch wurde fertig und Nora Noths Lebenskraft schwand. Sie brauchte immer mehr Hilfe. Die Tochter wollte die Pflege übernehmen – eine gute Lösung dachten alle, nur gab es einen Haken. Sie lebte in Istanbul. Mit weit über 80 Jahren zog Nora Noth in die Türkei. Zwei vollgepackte Taxis und ein Krankenwagen brachten sie zum Flugzeug. „Wir waren für alle ein verrücktes Bild. Als würde ein Zirkus umziehen“, erinnert sich Volker Noth. Im Sommer 2002 zog die Karavane wieder zurück nach Berlin. „Meine Schwester war am Ende mit ihren Kräften.“ Wirklich angekommen ist Nora Noth in Berlin aber nicht mehr. Dafür war sie schon zu schwach.

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