Wirtschaft : Geb. 1905

Julia Tardy-Marcus

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Ihre Freundin fand, sie sei „zu idealistisch“. Dabei wollte sie doch nur berühmt werden, weltberühmt. Als es mit der Solokarriere nichts wurde, kümmerte sie sich um die Moral der Arbeiter.

Sie hatte sich viel vorgenommen für ihr Leben. Sie wollte das Äußerste erreichen, das Genie, das weibliche Genie.

Seit der Pubertät, als mir aufging, daß alle großen Kunstwerke von Männern geschaffen worden waren und es keinen weiblichen Michelangelo oder Raffael gab, schien es mir eine Hauptaufgabe der modernen und freien Frau, zu beweisen, daß es auch weibliche Genies geben könne, wenigstens im Tanzen. Diesem Ziel wollte ich alles unterordnen, alle Entbehrungen ertragen.

Es besteht kein Zweifel: Julia Tardy-Marcus wollte berühmt werden, unter allen Umständen, „womöglich sogar weltberühmt“. Sie hatte sich schon ausgemalt, welcher Triumph es sein würde, als große Tänzerin in ihren Heimatort St. Gallen zurückzukehren. Mit ihrer Tanz-Freundin Alma diskutierte sie an freien Nachmittagen darüber, wie so eine grandiose Weltkarriere anzukurbeln sei. Alma, ein wenig depressiv veranlagt, befand dann, sie sei „zu idealistisch“. Dabei kann man auf dem Weg zum Ruhm gar nicht idealistisch genug sein. „Ich wollte ja nichts als leben, so, wie es aus mir herauswollte“, sagte sich Julia, als sie jung war, zu den Wandervögeln gehörte und gerne Hesse las. „Warum war das so schwer?“

Eine Kindheit in St. Gallen vor und während des 1. Weltkriegs verlief aus der Sicht von Julia wie im Heile-Welt-Roman. Da fuhr noch der Postillon durch die mittelalterlichen Gassen voller herausgeputzter Bürgerhäuser. Die Kinder spielten in den Straßen, weil keine Autos fuhren. Oder blickten auf den Laurenzturm, auf dem zu Ostern die Trompete geblasen wurde. Manchmal kamen Sänger vorbei und gaben Ständchen. Und Julia träumte am Fenster vom Glanz der großen Welt, die irgendwo da draußen auf sie wartete. Sie konnte gut träumen.

Der Vater stammte aus Berlin und hatte sich als Klavierlehrer in St. Gallen niedergelassen. Von den Gedankenspielen, Leseabenteuern und tänzerischen Übungen seiner Tochter hielt er nicht viel. Einmal versprach er Julia fünf Franken, wenn sie ein Zeugnis mit lauter Einsen nach Hause brächte. Als sie das Versprechen einlösen wollte, hatte der Vater es schon vergessen. Er vergaß vieles. Die Eltern wurden geschieden, und die heile Welt von St. Gallen zerplatzte.

Das Geld wurde knapp, und anstelle eines Studiums erwartete Julia nach der Schulzeit die örtliche Stickerei. Dort kümmerte sie sich um die Lieferungen, fegte die Räume aus und wurde immer trauriger. Weil es mit der Stickerei langsam bergab ging, besuchte sie abends die Gewerbeschule und lernte Stenografie und Maschineschreiben. Hatte sie ihre Ideale schon vergessen? Wollte sie der Welt nichts mehr beweisen?

Sie wurde 18 Jahre alt und entschied sich, fortan ihrem Traum zu folgen. Zuerst nach Zürich, an die Laban-Schule. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie als Aktmodell für Maler und Bildhauer. Julia lebte modern, gab nicht viel auf Konvention und bürgerliche Moral. Sie war frei und doch gefangen von der Idee, etwas Großes leisten zu müssen.

Der Traum vom Ruhm zog sie weiter nach Dresden, dort lehrte die berühmte Ausdrucks-Tänzerin Mary Wigman, und schließlich an die „Städtische Oper Berlin“. Der Durchbruch zur großen Solokarriere ließ auf sich warten, und Julia half, die Moral der Arbeiter mit politischen Parodien und Gesängen zu aufzurichten. Der Kommunismus war en vogue, also wurde sie KPD-Mitglied und lernte Wilhelm Pieck kennen. Der saß im Aufsichtsrat der Oper. Eines Tages lud er sie zum Essen ein und erklärte beim Aufstehen, er müsse jetzt für die Genossinnen in Russland einkaufen gehen. „Was denn?“, fragte Julia. Pieck antwortete: „Also Nähnadeln, Nähfaden, Sicherheitsnadeln…“ Da kamen ihr die ersten Zweifel am Kommunismus.

Anfang der dreißiger Jahre tanzte Julia im Kabarett „Katakombe“ ihre Parodien, zum Beispiel „Ghandi und der britische Löwe“. Dabei setzte sie eine übergroße Ghandi-Maske auf und steckte sie in den Schlund eines kleinen Holzlöwen. Sie wurde eine politische Tänzerin, eine Waffe im Kampf gegen den heraufziehenden Faschismus. In der „Jungen Volksbühne“ parodierte sie 1932 Hitler als wandelndes Hakenkreuz. Die linke Presse war begeistert, die rechte begann zu hetzen. Wenige Tage nach dem Reichstagsbrand wurde Julia von der Oper fristlos entlassen. Es war ohnehin höchste Zeit, die Koffer zu packen.

Sie ging nach Warschau, nach Wien, zurück nach Zürich, versuchte vergeblich, Fuß zu fassen. Schließlich landete sie in Paris. Nach einiger Zeit fand sie kleinere Engagements, tanzte in einer Revue. Mit der deutschen Besatzung endeten diese Versuche. Die Heirat mit dem Chemiker Daniel Tardy schützte sie vor der Verfolgung.

Nach dem Krieg begann bald das zweite Leben der Julia, wieder ein aufreibendes und vielschichtiges, ein Pendelleben zwischen Paris und Berlin. Sie begann, Literatur zu übersetzen und schrieb Tanzkritiken für die Neue Zürcher Zeitung. Sie verstand es, um sich herum ein enges Netz aus Wahlverwandtschaften zu knüpfen. Zum Theatertreffen und den Festspielen kam sie regelmäßig nach Berlin, besuchte die Premieren, stieg im Hotel Hecker’s ab oder bei Freunden in Moabit. „Julia ist in der Stadt. Lasst uns mal treffen“, hieß es dann im „Fanclub“.

Sie lebte vor, wie man alt werden sollte, sagt ein Freund. Fast 97 Jahre sind es schließlich geworden. Zuletzt fesselte sie ein Gehirnschlag ans Bett und nahm ihr die beiden Sprachen, die sie liebte. Beerdigt wurde sie in Massy bei Paris, wo sie die letzten Jahrzehnte in einer kleinen Wohnung gelebt hatte, inmitten von Bücherbergen, Fotos und Zeitungsausschnitten. Der Ertrag eines reichen Lebens. Thomas Loy

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