Wirtschaft : Geb. 1905

Mario von Pirani

Thomas Loy

„Oh, was ist das Wundervolles?“, fragt die Großmama am Sonntag. Ist es Schokopudding, sagt der Vater: „Zitronenpudding“. Ist es Zitronenpudding, sagt er: „Schokopudding“. Und alles lacht.

Guten Freitag.“ Wie belieben? Ach so, der Herr von Pirani. Natürlich. Wie dumm von mir, Sie nicht gleich erkannt zu haben. An Stellen, wo man es nicht vermuten würde, setzen Sie einen Akzent. Eines Ihrer Erkennungszeichen ist die Präzisierung des zur Floskel verkommenen Alltagsgrußes. Nur allzu gerechtfertigt, möchte man zustimmen. Denn wie soll ein „Guten Tag“ dem Auf und Ab des Wochenzyklus angemessen Rechnung tragen? Sie denken gerne einen Schritt weiter und geben diese Position gerade dann nicht auf, wenn der Rest der Menschheit Ihnen partout nicht folgen möchte. Man könnte allerdings auch sagen, Sie haben einen Spleen. Wie dem auch sei; schön Sie hier an der Himmelspforte zu sehen, nach all den Jahren. Treten Sie nur ein.

Zu Lebzeiten, so habe ich mir sagen lassen, verlangten Sie im Restaurant nicht die Karte, sondern den „Magenfahrplan“. Kaum ein Kellner war so gewitzt, sich nichts anmerken zu lassen. Diese kurzen Momente der Verwirrung, das verschämt-vorsichtige Nachfragen genossen Sie in vollen Zügen. Das waren wohlgesetzte Stiche gegen die umsichgreifende Erschlaffung der Gehirnmuskulatur. „Ich mache mal einen Zahlungsversuch.“ So gefielen Sie sich, lieber Herr von Pirani, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben. So wollten Sie gefallen. Ein Provokateur gegen die Konventionen der Sprache und deren gedankenlose Repetition. Dabei immer in leiser Zurückhaltung, maßvoll und beherrscht. Als öffentlicher Redner traten Sie nur ungern auf.

Schauen wir mal ins Poesiealbum Ihrer älteren Tochter, Ina von Pirani. Im April 1959 zeichneten Sie das Familienwappen der von Pirani hinein, samt Wappenspruch: Possum quod volo. Ich kann, was ich will. Auf der anderen Seite konstruierten Sie mit sicherer Hand eine Kolonnade aus vier mächtigen Pfeilern, die schwere Querbalken stützen. Die Pfeiler symbolisieren die „vier Maßstäbe“: Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe. Jeder dieser Tugenden stellten sie das Adjektiv „absolut“ voran. Was sagt man dazu als zehnjähriges Mädchen? Ina von Pirani ist in gewissem Sinne noch heute sprachlos.

So viel Absolutismus sollte man besser meinem Chef, dem lieben Gott, überlassen, finden Sie nicht auch, Herr von Pirani? Wahrscheinlich kommen Sie mir gleich mit Hegel, der Mensch möge doch zumindest versuchen, etwas vom göttlichen Weltgeist zu erhaschen. Sie sprachen mit Ihren Kindern nicht anders als mit Erwachsenen. Als Ina in der 5. Klasse war und klagte, dass der Lehrer krank sei, wurde sie ermahnt: „Sieh zu, dass du nicht nur von der Sonne angestrahlt wirst. Du musst auch selbst eine Sonne sein.“ Das hat sich Ina gemerkt.

Sie hatten Ihr halbes Leben schon hinter sich, als die Kinder kamen. Über die erste Lebenshälfte wissen die Töchter nur wenig. Großvater von Pirani war ein erfolgreicher Universitätsprofessor und Erfinder. 1936 wurde er als „Halbjude“ aus dem Staatsdienst entfernt. Er emigrierte nach London. Sie wollten nicht aus Berlin weg und wurden später als Soldat eingezogen, wegen Ihrer jüdischen Vorfahren aber 1942 entlassen. Danach habe es immer wieder „Schwierigkeiten mit der Gestapo“ gegeben, schrieben Sie nach Kriegsende Ihrem Vater nach London. Details, etwa eine kurze Haft im Keller der Berliner Gestapo, blieben unerwähnt. Auch später wurde dieses Thema nicht mehr angerührt. Politischen Diskussionen wichen Sie aus. Vom Krieg erfuhren die Töchter nur in seltsam beschönigenden Andeutungen – etwa als „große Reisegesellschaft nach Finnland“.

Die persönliche Vergangenheit schien Ihnen unwichtig – die ferner liegende „Geschichte“ dagegen von großer Bedeutung. Sie wurde im Familienkreis erwandert und spielte sich vorwiegend in deutschen Mittelgebirgen ab. Als alter Pfadfinder hielten Sie immer eine Notausrüstung bereit: Klopapier, Strippe, Sicherheitsnadel, Schere und 60-Watt-Birne. Die Glühbirne diente zur Ausleuchtung von Pensionszimmern, die nach Ihrer Erfahrung oft nur ein Funzellicht boten.

Zu Hause wurde das Geschichtsstudium in Gestalt einer Briefmarkensammlung vertieft. Themen: Deutsches Reich, Kolonien, Weimarer Republik, BRD, DDR. Die Töchter durften sich mit „Marken ablösen“ ihr Taschengeld aufbessern. Sie waren ein sorgfältiger und ausdauernder Sammler, mieden aber die Geselligkeit im Verein. Wenn sich eine häusliche Geselligkeit ergab, zogen Sie sich oft nach einer Weile mit den Worten zurück: „Entschuldigung, aber ich habe noch zu tun.“ Berufliche Verpflichtungen konnten Sie als Prokurist bei der namhaften Firma DeTeWe jederzeit glaubhaft machen.

Was suchten Sie eigentlich im Leben? Was für ein Mensch waren Sie? Da gibt es nur Indizien und Vermutungen. Ihr Dasein vollzog sich in einer klaren äußeren Struktur. Der Samstag: Mittags gibt es Spagetti, schließlich stammt die Familie aus Italien, anschließend eine Tafel Schokolade für die Kinder. Danach Mittagsruhe. Es folgt Kaffeetrinken, der Kaffee immer mit einer Prise Kakao. Dann müssen die Kinder raus zum Spielen zwecks ungestörter Erstellung der „Fünfjahrespläne“, eine Art mittelfristige Finanzplanung. Der Sonntag: Die Großmama wird zum Essen abgeholt. Es gibt Braten und zum Dessert Schoko- oder Zitronenpudding. „Oh, was ist das Wundervolles?“, fragt Großmama immer, wenn das Dessert kommt. Ist es Schokopudding, sagt Vater Pirani: „Zitronenpudding“. Ist es Zitronenpudding, sagt er: „Schokopudding“. Und alles lacht.

Was suchten Sie im Leben? „Wertvolle Gespräche mit wertvollen Menschen“, sagt Ihre jüngere Tochter Uta. Infolgedessen sei es zu Hause „eher ruhig“ zugegangen. Viele wertvolle Gespräche führten Sie mit sich selbst, blieben dabei aber ein zufriedener, gut gestimmter und stets optimistischer Mensch. Auch, als es Ihnen schlechter ging. Im Januar starben Sie an Altersschwäche. Wenn es nach Ihnen gegangen wäre, hätten Sie die 100 noch voll gemacht. Stimmt’s? Jetzt sagen Sie mal was zu Ihrem Leben, Herr von Pirani!

„Entschuldigung, aber ich habe noch zu tun…“

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