Wirtschaft : Geb. 1906

Erna Marie Falk

Stefan Jacobs

Sie war eine Wienerin aus Leipzig. Was mit ihrem Palast geschah, das konnte sie nicht verstehen.

Es war höllisch laut auf ihrem Balkon, aber Erna Marie Falk schaute ohne Groll auf die Baustelle des Hotels DomAquarée hinab. Baulärm war ja etwas anderes als unnützer Krach und folglich kein Grund, sich zu beklagen. Das hatte sich Erna Marie Falk 25 Jahre vorher auch schon gesagt, als an derselben Stelle unter ihrem Balkon das Palasthotel gebaut worden war. Sie war ja freiwillig in die Spandauer Straße gezogen, 1971, weil sie sich nach 41 glücklichen Ehejahren nicht ans einsame Witwendasein am Zeuthener See gewöhnen konnte.

Seitdem hatte sie nicht mehr ihre geliebten Maiglöckchen vor der Tür, dafür aber das täglich wachsende Palasthotel. Damals blickte Frau Falk interessiert von ihrem Balkon im 16. Stock hinunter. 30 Jahre später betrachtete sie die neue Baustelle mit dem riesigen Aquarium mittendrin schon skeptischer. Für den Neubau musste das erst nach der Wende teuer aufgemöbelte Palasthotel abgerissen werden – ein Unsinn, wie Frau Falk fand. Außerdem taten ihr Abrissbilder weh, seit sie sich nach dem Krieg als Trümmerfrau durch die Berliner Schuttberge gekämpft hatte.

Aber der forsche Gang der Dinge direkt unter ihrem Balkon war ihr allemal lieber als der Anblick des im Siechtum erstarrten Palastes der Republik, weiter links. Sie sah ihn jedes Mal, wenn sie den vierblättrigen Klee in ihren Blumenkästen goss. Dann fragte sie sich, warum das ICC im Westteil der Stadt trotz des Asbests geschont worden war.

Als der Palast der Republik noch „Erichs Lampenladen“ genannt wurde, ging sie fast täglich darin ein und aus. Weil das großzügige Gebäude ihr einfach gefiel, und weil sie als Gästebeirat des Spree-Restaurants regelmäßig nach dem Rechten sehen wollte. Und musste, denn es brauchte unerschrockene Leute, die Klagen über unfreundliches Personal oder kaltes Essen an die Verantwortlichen weitergaben. Dem gewöhnlichen Besucher eines sozialistischen Restaurants blieb im Reklamationsfall nur die Wahl zwischen diesem ehrenamtlichen Kundendienst und der Rückkehr an den heimischen Herd.

Von Erna Marie Falks Ehrenamt profitierten nicht nur die Gäste, sondern auch Freunde und Verwandte, denen sie Tische ohne langes Warten und „Sie-werden-platziert“-Geduldsspiele vermittelte. Zur Feier ihres 80. Geburtstages im Palast staunte die versammelte Familie, mit wie viel Respekt die Kellner sie bedienten.

Erna Marie Falk hatte gleich nach dem Umzug in die Innenstadt ihr zweites Berufsleben begonnen. Im ersten hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Wäscherei und Plätterei geführt. Nun wollte sie auch als Rentnerin unter Menschen kommen – und hatte neben dem Ehrenamt im Palast genug Energie für eine Halbtagsstelle im Haus der ungarischen Kultur. Dort verkaufte sie teure Folklore-Blusen und handgestickte Deckchen. Mit den ungarischen Kollegen verstand sie sich bestens, und sie wusste auch warum: „Wir Wiener sind den Ungarn ganz ähnlich – viel optimistischer und fröhlicher als die Deutschen.“ Diesen Spruch hatten ihre Kinder so oft gehört, dass sie gar nicht weiter darüber nachdachten. Um so mehr staunten sie, als sie die Geburtsurkunde in den Händen hielten: Erna Marie Falk war in Leipzig geboren. Immerhin, ihr Vater stammte aus Wien. Er war ihr großes Vorbild – und dazu gehörte auch, „wir Wiener“ zu sagen.

Erna Marie Falk selbst war in ihrem Leben nur ein einziges Mal in Wien: 1993, ihr Sohn hatte sie eingeladen. Auf Fotos sitzt sie bei Regenwetter frierend unterm Riesenrad, traurig auf einer Parkbank, müde an einer Fiaker-Haltestelle – aber glücklich in einem Kafeehaus. Hier hatte sie ihr Wien gefunden.

Zu Hause hatte sie fast ihr Leben lang für die Familie gesorgt. Nun genoss sie es, sich nicht mehr kümmern zu müssen. Die vier Kinder hatten ihre eigenen Familien, und Erna Marie Falk drängte sich nicht auf. Sie hatte auch so genug zu tun: Mittagessen im Blockhouse-Restaurant nebenan, am liebsten Nudeln mit Pilzen. Dann der Gang zum Seniorenclub, wo bei Kaffee und Cognac in ihrer Gegenwart über alles geredet werden durfte, nur nicht über Krankheiten. Und schließlich besuchte sie ihr Freund fast jeden Tag. Sie hatte ihn über eine Zeitungsannonce kennen gelernt, sie war da 88, er sieben Jahre jünger. Mit seinem vollen weißen Haar und der drahtigen Figur hätte er auch eine Jüngere haben können, aber die beiden waren einander zugetan. Sobald er anrief, war jedes Wehwehchen vergessen und der Tag gerettet. Manchmal gab es kleine Eifersuchtsszenen, wenn er im Club mit Frauen seines Alters flirtete, aber spätestens am nächsten Tag war alles wieder gut.

Bis zu jenem Tag im Juli, als Erna Marie Falk in ihrer Wohnung hinfiel und mit Oberschenkelhalsbruch ins Krankenhaus gebracht wurde. „Sie hat so ein starkes Herz“, sagten die Ärzte und wagten die Operation. Aber das Herz war nicht stark genug.

Der Freund brachte Maiglöckchen an ihr Grab. In der Wohnung in der Spandauer Straße wohnt schon wieder jemand anderes. Und die Baustelle lärmt, als wäre nichts passiert.

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