Wirtschaft : Geb. 1906

Fritz Junak

Stephan Reisner

Fritz Junak

Wer fragte einen nach guten Absichten, wenn man im Frühjahr ’45 als Feldgendarm durch Berlin huschte? Am Stadtrand krachten die Haubitzen, in den Straßen knatterten Maschinengewehre. Von allen Seiten rückte der Feind näher. Gemeinsam mit einem Kameraden irrte Fritz „Fitty“ Junak durch die zerbombte Stadt. Er war der kleinere der beiden Feldgendarmen, gerade mal 1,65 Meter groß. Verwundete sollten sie auflesen und ins Polizeikrankenhaus bringen. Schlechte Absichten hatten sie also nicht – aber würden die Russen das auch so sehen?

Die Kugeln pfiffen ihnen um die Ohren, und Junak meinte: „Weeste wat, ich gloobe, wir müssen hier verduften.“ Er eilte zum St.-Hedwig-Krankenhaus in der Sophienstraße und klopfte an die Pforte in der Hoffnung, hier unterschlüpfen zu können. Die Tür ging einen Spalt weit auf, weit genug, dass Junaks Uniform zu erkennen war. „Bedaure“, kam es von innen. Aber Junak insistierte, er verstünde etwas vom Assistieren am OP-Tisch. Da ließ man ihn rein. Noch in Uniform warf er einen weißen Kittel über und lief zum Operationssaal. Fünfzehn Minuten später standen russische Soldaten im Saal und sondierten mit der Waffe im Anschlag die Lage. Junak hielten sie für einen Arzt und ließen ihn ungeschoren.

Als die Schießerei in den Straßen vorüber war, ging er nach Hause und pfiff dort das unverwechselbare Erkennungszeichen der Familie in allen Lebenslagen, den Junak-Pfiff. Seine Frau und zwei Söhne erkannten die Tonfolge und kamen aus dem Keller hervor.

Man hatte überlebt, aber was sollte nun werden? Früher hatte Junak in einer großen Bank gearbeitet, also lief er erstmal zur großen Bank. „Sie können gerne den Tresor aufräumen, aber Arbeit haben wir nicht“, hieß es da. So versuchte Junak es bei der Polizei, immerhin hatte er neben der Sanitätsausbildung auch Feuerlöschen gelernt. Es gab nur ein Problem: die festgelegte Mindestgröße. Das kannte Junak schon von anderen Musterungen. Die Wehrmacht hatte ihn für zu klein befunden – nicht unbedingt zu seinem Schaden. Diesmal aber stellte sich Fritz Junak auf die Zehenspitzen: 1,67 Meter – Mindestgröße! Was bedeuteten schon zwei gemogelte Zentimeter? Andere blendeten ihre komplette Vergangenheit aus.

Zwei Kollegen im Präsidium am Alexanderplatz mochten Junak nicht. Er zeigte sich nicht sonderlich begeistert für die neuen politischen Strömungen im Osten der Stadt. Das Muster von Parteizugehörigkeit und Karriere kam Junak irgendwie bekannt vor. Als er noch bei der Bank gewesen war, hatten sie ihm das Gehalt nicht erhöht, weil er den rechten Arm nicht schnell genug hochschnappen ließ. Bei der Polizei galten nun andere Regeln, aber der Hang zur politischen Wichtigmeierei blieb – mit Auswirkungen auf den Arbeitsalltag. Man schanzte ihm kaum zu bewältigende Aktenstapel zu und schnitt ihn kontinuierlich. Mobbing würde man das heute nennen. Junak nannte es „berufliches Schach“, das man mit ihm spielte. Irgendwann ließ er sich versetzten, in den Westteil der Stadt, aber sein Nervenkostüm war längst angeschlagen. Nach zehn Jahren Polizeidienst konnte er nicht mehr: Nervenzusammenbruch. Tablettenmissbrauch. Klinikaufenthalt. 1957 endete sein Dienst.

Zwölf Jahre Beamter, ein paar Jahre Bankangestellter – da schwillt ein Pensionskonto nicht übermäßig an. Junak blieb die Familie und viel Freizeit. Er führte das Haushaltsbuch, suchte Sonderangebote heraus, unternahm Stadtspaziergänge, notierte Wirtinnenwitze und hörte viel Radio. Er war ein passionierter Radiohörer, einer der ersten Stunde. Sein Gerät aus den Zwanzigerjahren spendete er später dem Rundfunkmuseum.

Er hatte nicht viel, aber gerecht sollte es stets zugehen. Die Briefmarken, die er sammelte, sammelte er immer doppelt. Für jeden Sohn einen Satz. Als die Pension mit den Jahren stieg, wurde auch mal gefeiert. Zu Hause oder bei Freunden. Man trank Curaçao und Likörchen. Und mit seiner Frau, „Illemaus“, mit der er über 70 Jahre verheiratet war, unternahm er die eine oder andere Busreise nach London, Paris, Wien, Kopenhagen. Je nach Sonderangebot. Aber Junak war auch gern allein unterwegs, ging wandern an der Ostseeküste oder spazierte stundenlang durch West-Berlin. Auf einer Hamburg-Reise besuchte er die Davidwache und fragte nach einem preiswerten Schlafplatz für einen ehemaligen Kollegen. Die Polizisten wussten, was der Mann aus Berlin im Sinn hatte, und schlossen ihm eine Zelle auf, in der er übernachten durfte. Frühstück inklusive.

Erst spät kam der Fernseher. Da sah Junak einen ähnlich kleinen Mann, wie er selbst es war, in die Luft springen… Spitze! Das ist doch der Sohn vom alten Rosenthal, dachte Junak, der war doch damals bei der Bank! Prompt schrieb er dem Quizmaster einen Brief. Der bedankte sich herzlich für die Anekdoten über den früh verstorbenen Vater und für die israelische Briefmarke, die Junak dem Schreiben beigelegt hatte.

Fritz Junak schrieb viele Briefe, durchaus nicht nur freundliche, durchaus nicht nur an Menschen in der Ferne. Vieles musste er per Brief klarstellen. Wenn er wollte, konnte Junak gut auf Menschen zugehen. Nur wollte er nicht immer. Schnell fühlte er sich angegriffen, wenn ihm etwas Persönliches gesagt wurde. Anstatt gleich zu antworten, schrieb er später lieber einen Brief. Manche Freundschaft ging darüber kaputt.

Dem älteren Sohn übergab er eines Tages ein akribisch zusammengestelltes Protokoll, eine Musikkassette sowie 10000 Mark. Junak hatte immer bescheiden gelebt, seine Beisetzung sollte dafür groß sein! Friedhof, Ablauf, Bepflanzung, Grabstein, Inschrift, Sarg, Blumensorte – alles war minutiös aufgeführt. Auf der Kassette befand sich ein Lied von Mary Roos: „Das war mein Leben“, die Coverversion von Sinatras „My Way“. Weil die Aufnahme nicht mehr die beste war, besorgte man eine neue. So viel Ungehorsam musste sein.

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