Wirtschaft : Geb. 1907

Dorothea Kortkampf

Kirsten Wenzel

Zu ihrer Zeit wurden Frauen noch versorgt, damit sie für ihre Familie sorgen.

Sie stammte aus gutem Haus. Kindheit in einer Fabrikantenvilla in Lichterfelde- Ost: mit Kindermädchen, Waschfrau, Chauffeur, Gärtner, Köchin, Klavierlehrerin. Und mit fünf Geschwistern, mit denen sie im großen Garten herumtobte. Der Vater stellte Zigarren her, die Kinder lernten Französisch, Englisch und Spanisch. Sie fuhren im Winter zum Wintersport nach Silva Plana, im Sommer nach Deauville. Die Mädchen brauchen keine Ausbildung, fand der Vater, sie brauchen eine gute Erziehung, Kenntnisse der Hauswirtschaft und eine üppige Aussteuer. Dann machen sie eine gute Partie.

Sie lernte ihre gute Partie schon auf dem Schulweg kennen. Helmut Kortkampf wohnte nur eine Häuserecke entfernt, er sollte eine stadtbekannte Kaffeerösterei erben, das „Kolonial- und Delikateßwarengeschäft Christian Samuel Gerold“, seit 1804 Unter den Linden und später in der Lützowstraße in Tiergarten.

Helmut und Dorothea heiraten und bauen 1936 ein Haus in Kleinmachnow mit einem großen Garten und hohen Kiefern darin. Dorotheas Vater hat die Aussteuer so zusammengestellt, dass sie für ein ganzes Leben reicht: Das Porzellan mit dem Blumenmuster, das Silberbesteck mit Gravur, das blau bezogene Sofa, die Anrichte aus Mahagoniholz und so weiter und so fort.

Dorothea Kortkampf weiß, wie die Wäsche akkurat zu falten ist, und dass zwischen die Teller im Schrank kleine Stofftücher gehören zum Schutze des Dekors. Sie ist blond, fröhlich, schön und fährt einen grünen Fiat Topolino, ein Geschenk des Vaters an seine Lieblingstochter. Sie widmet sich voll und ganz den Kindern, dem Haus, dem Garten.

Der erste Schicksalsschlag: Ihr zweiter Sohn Hans Heinrich stirbt mit vier Jahren an Krebs. Im selben Jahr kommt der dritte Sohn zur Welt. Es kommt der Krieg, es fallen Bomben auf das Haus und auch auf das Geschäft, Kleinmachnow wird von der russischen Armee besetzt. Die Zeiten werden härter, als ihr Vater es vorausgesehen hatte. Keine Mitgift kann eine Tochter vor so etwas schützen. Aber das ist nicht der schwerste Schlag.

Nach dem Krieg stirbt noch ihr heiß geliebter ältester Sohn. Jürgen ertrinkt bei einer Reise in den Semesterferien. Da bemerkt sie es kaum, wie auch noch das Haus in Kleinmachnow 1961 ganz und gar hinter dem Eisernen Vorhang verschwindet.

Die Kortkampfs wohnen jetzt in einer Mietwohnung in Steglitz. In den ersten Jahren nach dem Krieg hilft Dorothea beim Aufbau des Geschäfts und arbeitet in der Kaffeerösterei. In diesen Jahren gibt es noch 20 Angestellte: Fahrer, Röster, Verleser, Packer. Doch die Bestellungen aus dem Umland gibt es nicht mehr, den Menschen fehlt das Geld für frischen Kaffee aus dem Delikatessengeschäft. Außerdem erobern die großen Kaffeefirmen aus Westdeutschland den kleinen West-Berliner Markt mit neuen Vertriebswegen für ihre Vakuumverpackungen. 1962 ist der Existenzkampf der Firma Gerold verloren. 60-jährig findet Helmut Kortkampf noch einmal eine Stelle als Lagerist – nicht leicht für einen, der mal Unternehmer war. Und seine Frau?

Die reagiert praktisch, mit der Vernunft einer Hausfrau. Der Schmerz über den Verlust der zwei Kinder hat sie tief getroffen – und jetzt auch noch das Ende des Geschäfts. Was soll’s, es muss ja weitergehen. Sie besteht darauf, dass ihr Mann das Geld vom Verkauf des Geschäftshauses in die Rentenkasse einzahlt. Besser spät als nie, sagt sie und plündert ihren Sparstrumpf, als die Tochter als Austauschschülerin nach Frankreich und England möchte. Du musst mal auf eigenen Beinen stehen, sagt sie, unbedingt eine Ausbildung machen, damit es dir nicht ergeht wie mir. Dorothea immerhin erfüllt sich einen Lebenstraum, als sie mit ihrer Schwester für zwei Monate nach Australien reist.

Als sie merkt, wie es um ihre Versicherung steht, beginnt sie, als Haushilfe in der Diakonie zu arbeiten. So wird sie zumindest noch in die Krankenkasse aufgenommen.

Nach dem Tod ihres Mannes lebt Dorothea Kortkampf von 800 Mark Witwenrente. Nur ab und zu schimpft sie: Helmut hätte besser vorplanen müssen. Von der Aussteuer ist ihr das Familiensilber geblieben, das blaue Sofa und das geblümte Geschirr. Und eine gesunde Portion Selbstachtung. Ihre Kinder zahlen gern die Miete für sie und sind immer für sie da. Sie hat ihnen eine sorglose Jugend ermöglicht, mit Ausbildung, Studium, Reisen und einem stets offenen Haus für die Freunde, da versteht sich das von selbst.

Als sie jung war, wollte sie mal Fotografin werden. Das war so eine Idee, weit weg von dem, was für sie vorgehen war. Was sie wurde, war sie trotzdem gern.

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