Wirtschaft : Geb. 1907

Elisabeth-Charlotte Hoecker

Susanne Kippenberger

Was sollte sie denn im Himmel? So spannend wie auf Erden konnte es da nicht sein. Sie war eine liebevolle Menschenfresserin.

Elisabeth-Charlotte Hoecker: So hat sie geheißen. So hat sie niemand genannt. 35 Namen hatte die Dame (eine richtige Dame wollte sie immer sein), und wenn sie einer neuen Freundin das Du anbot, dann legte sie ihr eine Liste vor, aus der diese sich was Schönes aussuchen konnte: Charlie, Lotte, Lisa, Lila, Li, Lu, Lelia. Lelia hieß die Titelfigur eines Romans von George Sand.

Die Literatur war schließlich ihr Lebenselixier: Wenn die 96-Jährige es nachts nicht aushielt vor Schmerzen, dann griff sie zu Harry Potter statt zum Pillendöschen. Der Zauber wirkte. Weil sie es so wollte.

Bibliothekarin wurde sie, weil sie die Bücher liebte, den Struwwelpeter, Grimms Märchen, später den „Vorleser“ von Schlink. Sie hat sich ja auf alles gestürzt, was neu, was im Gespräch war, Bücher, Botschaften, Ausstellungen, Restaurants. Dass sie schließlich im Rollstuhl saß, hat sie vom Leben nicht abgehalten. „Nachts bin ich halb tot, vormittags bin ich sehr krank. Nachmittags lebe ich.“

Jeden Nachmittag kam Besuch, den sie so neugierig empfing wie ein Kind. Alles wollte sie wissen und zwar ganz genau: Wie es in der Disco zugeht, wie die Liebe so läuft, wie die politische Lage zu bewerten ist, wie man E-Mails verschickt. Sie besaß keinen Computer, aber ließ sich genau erklären, wie er funktioniert. Und als sie wissen wollte, wie es im Jenseits zugeht, hat sie sich den Pfarrer einbestellt. Das konnte sie sich nicht vorstellen, wie das ist, tot zu sein. Wollte sie auch nicht.

100 wollte sie werden, mindestens. Was sollte sie denn im Himmel? So spannend wie auf Erden konnte es da nicht sein, und Engelchen und Teufelchen hat sie ja hier schon gehabt. So nannte sie die beiden Schwestern, sanft die eine, etwas strenger die andere, die jeden Tag zu ihr kamen, die putzten, kochten und für den Besuch Kuchen in der Konditorei kauften.

Den hat die Diabetikerin nicht angerührt. Sie war eine Menschenfresserin. „Eine liebevolle Menschenfresserin“, wie eine Freundin sagt. Sie wollte jeden mit Haut und Haar. Ganz präsent und ganz für sich alleine. Mit der einen Freundin ging sie in die Philharmonie, mit der anderen machte sie Ausflüge an die Havel, mit der dritten fuhr sie im Käfer nach Bayreuth.

Eine Hausfrau wurde sie nie, eine höhere Tochter blieb sie bis zum letzten Atemzug. Bescheiden, aber immer fein, mit geerbten Kleidern und Modeschmuck. Am Abend bevor sie starb, war sie gepflegt wie immer, die Nägel lackiert, die Haare toupiert.

Flirten konnte die alte Dame wie ein junges Mädchen, mit Augenaufschlag und allem Drum und Dran. Gut, tanzen konnte sie nicht mehr wie damals, auf den Bällen, mit Studenten, berühmten Architekten, ihrem Mann (dem Tangokönig vom Metropol). Aber wenn der junge Pfleger auf die Knie ging vor ihr – „Frau Hoecker, darf ich um den nächsten Tango bitten?“ – , war sie selig.

Sie hat fast alles verloren: das Vermögen ihrer Eltern, ihre jüdischen Freundinnen, ein Auge, eine Brust. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie ausgebombt, und als sie aus den Trümmern kletterte, da sah sie als erstes: ein Krokodil. „Das lief genauso verloren wie die Menschen herum“, hat sie später erzählt, mit dramatischer Pause und kokettem Blick. Erzählen, das konnte sie, so lebendig, dass alle, Fremde wie Freunde, an ihren Lippen hingen. Sie erzählte von der Achtzimmerwohnung, in der sie groß geworden ist, von der Defa, bei der sie nach dem Krieg arbeitete, von den Modeartikeln, die sie mal schrieb, von Brecht, den sie als Mann widerlich fand.

Gejammert hat sie nie, geklagt nur übers Krankenhaus. Sie wollte nicht ausgeliefert sein, wusste immer, was sie wollte und sorgte dafür, dass sie es bekam. Ihren Mann zum Beispiel, der war eigentlich ihr Chef. Als der Universitätsbibliotheksdirektor (den erst die Nazis und später die Sozialisten feuerten) reinkam in den Raum, in dem sie mit anderen Mädchen zum Vorstellungsgespräch angetreten war, und sagte: „Meine Damen, warum lachen sie nicht? Sie werden frühzeitig verkalken!“ – da hat sie sich auf der Stelle in ihn verliebt. Und dann hat sie gekämpft um ihn, den verheirateten Mann. Dabei hat sie selber selten gelacht, höhere Töchter lachten nicht laut. Geschmunzelt hat sie, eine Frohnatur, jeden mit einem Lächeln empfangen (und mit einer Kusshand verabschiedet). Sie hat andere zum Lachen gebracht.

Vieles also hat sie bekommen, aber von der Liebe, fand sie, bekam sie nie genug. Die Mutter hat sie ihr nicht gegeben, die trauerte ihrem großen Sohn nach, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs gefallen war. Auch ihr gelehrter Mann gab ihr nicht die ganze Wärme, die sie sich ersehnte. Und Kinder hat sie keine gehabt.

Aber darüber sprach sie selten. Lieber erzählte sie von ihrem Kinderfräulein („Die hat mich sehr geliebt“), mit dem sie als kleines Mädchen nachmittags in den Tiergarten zog, mit Puzzleschwanz und Samtpfötchen, den Kaninchen, im Puppenwagen. Der Tiergarten war ihr Paradies, Berlin ihre große Liebe. Über Berlin durfte niemand Böses sagen.

Sie hat bekommen, was sie wollte, bis über den Tod hinaus. Die Beerdigung lief genau nach ihrem Plan. Die Trauergemeinde sang „Der Mond ist aufgegangen“, und als der Sarg aus der Kapelle rausgetragen wurde, da erklang erst leise, dann immer lauter, immer energischer: der Bolero von Ravel.

Ein braves Kind ist sie gewesen. Eine brave Frau nicht. Deswegen hat sie schließlich das Bundesverdienstkreuz bekommen: Weil sie sich engagiert hat für die Gleichberechtigung, im Staatsbürgerinnenverband, in der Gemeinschaft deutscher Künstlerinnen. Aber mit Charme, nie verbissen. So, wie sie ein Leser aus der Bibliothek in einem Gedicht besungen hat: „Du Südolive,/ blasse Orangeade…“

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