Wirtschaft : Geb. 1907

Klara Dietrich

Kirsten Wenzel

Klara Dietrich

Ihre Möbel hat die Tochter alle verschenkt. Und das Buch, in das sie Artikel und kleine Witzzeichnungen aus der Zeitung einklebte, hat sie weggeworfen. Unansehnlich sei es gewesen, sagt die Tochter entschuldigend, zum Schluss kaum noch zu lesen, die Schrift verwischt und voller Klebstoffspuren. Und warum sich unnötig mit der Erinnerung belasten? Klara Dietrich wäre einverstanden gewesen. Ordnung, das ist aller Dinge Anfang. Kohle rauf, Asche runter, das gehörte für sie einfach dazu. Aufgeräumt sollte es sein, weg mit dem Staub, dem Grauschleier von gestern.

Es ist eine Geschichte aus Lichtenberg, vom Anfang bis zum Ende. Erst geht sie als Mädchen in Stellung wie so viele junge Frauen, die nach dem ersten Weltkrieg aus dem Osten nach Berlin kamen. Dann wird sie Reinigungskraft bei Siemens, wie es das Arbeitsbuch aus dem Deutschen Reich belegt, und nach dem Krieg arbeitet sie noch fünfzehn Jahre beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund in der Wallstraße. Da hatte sie ihr eigenes Revier, fuhr mit dem Putzmittelwagen über die Etage, und im Sommer reiste sie mit ihren zwei Töchtern ins Ferienheim an die Ostsee. Sie wurde gefeiert und belohnt für ihre Verdienste, mit Medaillen und Reisen nach Leningrad, 14 Tage für 35 Mark. Eine hunderfünfzigprozentige Genossin musste sie dafür nicht sein; sie hat einfach immer gearbeitet.

Natürlich war sie auch dabei gewesen, als ganz Berlin aufgeräumt werden musste. Nach Kriegsende gehörte sie zu den 60000 Trümmerfrauen in Berlin, sammelte Steine an der Frankfurter Allee, in Kopftuch und Kittel gehüllt. Schichtete sie auf eine Lore, von morgens bis nachmittags, vom Sommer 1945 bis zum Sommer 1946. Zu den Schwerstarbeitern wollte sie gehören, nicht um gelobt zu werden, sondern weil es dann Lebensmittelkarten für eine größere Ration an Mehl und Speck gab und für die ganzen Ersatzstoffe, die es so gab – Kaffeeersatz, falsche Butter, falscher Hase und so weiter. Lebensmittel für ihre zwei Mädchen, die sie seit der Scheidung 1944 allein durchbringen musste.

Den Mann, den Lokomotivführer, hatte sie in die Wüste geschickt, als der im Fronturlaub am ersten Weihnachtstag gleich zu seiner Geliebten ging. Da kam sie besser allein zurecht, ob nun gerade Krieg war oder nicht. Als im Frühling 1945 eine Bombe neben ihrem Haus herunterfiel und die Fensterscheiben zersplitterten, hängte sie die Schranktüren aus und stellte sie vor die Fenster im Erdgeschoss. Danach ging das Leben weiter. Och, das ging dann eigentlich schnell wieder, sagt die Tochter. Und dann war schon wieder Schule.

Im Jahr 1947 spielte die Frankfurter Allee Schicksal in ihrem Leben, noch einmal, die Straße, die sie mit ihren fleißigen Händen von Trümmern befreit hatte. Die Hände konnten auch stricken, sich in kurzer Zeit von deutscher auf lateinische Schreibweise umgewöhnen, sogar manchmal Gedichte schreiben, aber das wussten nur wenige. Am S-Bahnhof Frankfurter Allee also traf sie einen stattlichen Herrn Ende vierzig, eine Annonce war vorausgegangen, und es gab auch die Blume im Knopfloch als Erkennungszeichen. Die Mädchen waren schon größer, in der Pubertät, und trotzdem akzeptierten sie den Schlosser, den die Mutter nach dem vierten Treffen mit nach Hause brachte. Ein stattlicher Mann, der sich gern schick machte, wenn es zum Tanzen ging.

Ein zweites Leben, ein zweites Glück, als wäre es nie anders gewesen. Es wurde eine große Familie daraus, viele standen an ihrem Grab, denn die Töchter hatten Kinder, und Kinder dieser Kinder gab es inzwischen auch. Ururgroßoma war sie, zu ihrem Geburtstag mussten alle antreten, das war obligatorisch, bis zum allerletzten, dem Fünfundneunzigsten.

Politisch war sie neutral, sagte Klara Dietrich. Ob nun Ost- oder West-Berlin, das war ihr eigentlich egal, Hauptsache, die Familie war zusammen. Gibt doch in jeder Stadt einen Ostteil und einen Westteil, oder? Aber sie war auch nicht blöd. 1938 zog sie in eins der neuen Häuser in der Erich-Kuttner- Straße, eine schöne Wohnung, in der sie blieb, bis sie 90 war. An den großen Luftschutzkellern der Neubauten, sagte Klara, konnte doch jeder erkennen, dass der Hitler Krieg wollte, lange vor 1938.

Es war eine gute Hausgemeinschaft in der Kuttner-Straße. Die Luftschutzkeller brauchten sie nur ein einziges Mal. Wenn eine Kuchen gebacken hatte, gab sie allen davon ab, auch beim Einholen half man sich. Und Klara Dietrich pflanzte jedes Jahr im Frühling Tulpen vor das Haus.

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