Wirtschaft : Geb. 1908

Charlotte Möller

Gregor Eisenhauer

Corporate identity? Klar: jeden Sonnabend für alle Mann Erbsensuppe kochen und Würstchen satt.

Das kam schon vor, dass ein Porschefahrer so richtig Gas gab, um die Braut im Benz-Coupé vor sich einzuholen, dann ein balzendes Grinsen nach rechts sandte und von einem Moment auf den nächsten traurig feststellte: „Ne Omi am Lenker von der Kiste!“ Die Omi blinzelte flink zurück und ließ ihn ihre Auspuffrohre sehen. Es kam selten vor, dass Charlotte Möller ihre Angestellten anschnauzte, und wenn, dann nur beim Fahren: „Sie sind zu langsam, junger Mann! Geht das nicht ’ne Idee schneller!“

Das war für sie die Zauberformel der Marktwirtschaft schlechthin: eine Idee schneller und einen Tick freundlicher als die Konkurrenz. Der Kunde will Ware, also brachte Charlotte Möller die Ware an den Mann. Notfalls mit dem Fahrrad, wie in den dreißiger Jahren, als sie sich auf ihren Touren je zwei Volksempfänger auf den Rücken schnallte: einen für 36 und einen für 76 Mark. Die verkaufte sie von Haus zu Haus, die dazugehörige Antenne verlegte sie gleich selbst.

1929 hatte sie den Rundfunktechniker Peter Möller geheiratet, 1932 eröffneten die beiden ihr erstes Geschäft in Mariendorf. Viel Zeit fürs Privatleben blieb nicht. Obwohl: Die Unterscheidung privat und geschäftlich existierte eigentlich gar nicht.

Als Partnerin ihres Mannes wollte Charlotte Möller nicht nur hinter der Ladentheke stehen, sondern auch verstehen, was sie da tat. Also radelte sie morgens um sieben zu Siemens und lernte dort Niederfrequenztechnik und Löten.

Sie war in einem Kaufmannshaus groß geworden, hatte früh die Mutter verloren und immer schon hart arbeiten müssen, daheim und in anderen Häusern. Das tat ihr nicht weh. Was sie nicht ertrug, war der Dünkel derer, die die Welt in Dienstboten und feine Herrschaften unterscheiden, weil sie nicht begreifen, wie schnell das wechseln kann. Sie wusste, was es für ein Gefühl ist, wenn die Torte erst angeschnitten wird, nachdem man vor die Tür geschickt wurde. Das hat sie nie vergessen.

Nach dem Krieg kaufte ihr Mann wäschekörbeweise Röhren und bastelte daraus einen kleinen Radioapparat, der erfolgreich in Serie ging. Aus dem Drei-Mann-Betrieb wurde eine Firma mit mehr als 20 Angestellten. Die Deutschen wollten mit Rundfunkgeräten versorgt sein, Radio Möller lieferte. Das Geschäft florierte, Zeit, an sich selbst zu denken. Endlich Reisen, gemeinsam um die Welt. Aber wie so oft, wenn endlich Zeit zum Aufatmen ist, fehlt plötzlich die Kraft zum Weitermachen. Am Heiligabend 1959 starb ihr Mann, die große Liebe ihres Lebens. Charlotte Möller fand später einen neuen Freund, heiratete aber nie wieder.

„Werden Sie schon bedient?“ Von nun an war das Geschäft ihr Lebensinhalt, und die Kunden waren ihre Kinder. Als sie 1982 ihr fünfzigjähriges Firmenjubiläum feierte, kamen allerdings nicht nur die Gratulanten, sondern auch die Einbrecher, weil sie aus der Festschrift erfahren hatten, wo die alte Dame wohnt. Und eine Unternehmerin, das weiß jeder, ist eine klunkerbeladene Frau, die nur eine Sorge kennt, ob sie rechtzeitig vom Friseur zur Maniküre kommt.

Zwei Dutzend Fachgeschäfte gab es einmal in Mariendorf, geblieben ist nur Radio Möller. Dank Unternehmensberatern? Gut angezogene Menschen in den Betrieb zu holen, die die schlecht angezogenen Menschen aussortieren, weil sich damit auf die Schnelle Geld sparen lässt? Nicht mit ihr. Die einfache Frage war: Wie lässt sich auf Dauer solide wirtschaften?

Charlotte Möller verdankte ihren Erfolg den Ratschlägen, die sie nicht angenommen hat. Weder hat sie viele Filialen eröffnet, noch an das ewige Wachstum geglaubt. Und sie hat begriffen, dass der Faktor Mensch der wichtigste im Arbeitsleben ist. Corporate identity? Das gab es bei ihr doch schon immer – die Firma als Familie. Konkret: jeden Sonnabend für alle Mann Erbsensuppe kochen und Würstchen satt.

Das war aber nicht nur die Unternehmerin als Muttchen oder die Strenge, die morgens immer als erste im Laden stand, oder die Anspruchslose, die sich nicht zu schade war, selbst den Bürgersteig vor dem Geschäft zu fegen. Unternehmer sein, heißt, beide Seiten zu sehen. Wenn ein Lehrling klaut, ist für viele die Sache klar: Der Bursche wird gefeuert. „Quatsch!“, sagte Frau Möller. „Wieso klaut er denn? Weil er an die Kasse gestellt wurde, ehe er kapiert hat, dass er zu uns gehört und sich doch nur selbst beklaut!“

Situationen vermeiden, die Menschen versagen lassen; und umgekehrt ihnen Gelegenheit geben, sich selbst zu beweisen. Charlotte Möller machte kein Hehl daraus, dass sie zu allen wichtigen Fragen der Politik eine Meinung hatte, und die schrieb sie gelegentlich auch dem Bürgermeister oder dem Bundespräsidenten. Hätten sie mal besser auf die alte Dame gehört, denn auch da, wo viel mächtigere Unternehmerpersönlichkeiten scheiterten, in der Nachfolgefrage nämlich, bewies sie Herzenstakt – und vererbte das Geschäft ihren Angestellten.

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