Wirtschaft : Geb. 1908

Egmont Schaefer

Kerstin Decker

Egmont Schaefer

Im Osten Berlins steht ein Hochhaus. Es hat achtzehn Stockwerke und riecht nach Verwahrlosung, jede Etage anders. Als Anfang der Siebziger das Haus Landsberger Allee 175 noch neu war und die Menschen hier einzogen, als müsste jetzt ein neues Leben beginnen, war er einer der ersten. Ein kleiner Mann mit brauner Baskenmütze, braunem Jackett und brauner Aktentasche. Einer der wunderbarsten, verblüffendsten Zeichner der Stadt, des ganzen Landes. Aber keiner der Nachbarn wusste das. Nicht mal alle Maler und Zeichner der DDR wussten das. Der Verband bildender Künstler hatte Egmont Schaefer irgendwann ausgeschlossen, denn er zahlte keine Beiträge mehr. Nicht aus böser Absicht, er hatte bloß kein Geld.

Ein populäres Vorurteil lautet, ein großer Künstler wird dadurch definiert, dass er ein großer Künstler ist. Das ist nur zur Hälfte richtig. Zur anderen Hälfte wird der große Künstler dadurch definiert, dass er alle anderen aufmerken lässt: Aha, da ist also ein großer Künstler! Man nennt das auch die Fähigkeit, sich zu verkaufen. Der Künstler ist der Selbstdarsteller per se. Egmont Schaefer war ein Sonderfall des großen Künstlers. Alles mögliche konnte er darstellen, aber unmöglich sich selbst. Darum tat er, schon über fünfzig Jahre alt, auch nichts, als die kleineren und mittelgroßen DDR-Künstler ihn ausschlossen. Denn Egmont Schaefer war außerdem Realist. Der Realist fragt: Wozu braucht ein Zeichner einen Verband? Ein Zeichner braucht einen Zeichenblock und einen Stift. Also hatte Egmont Schaefer eigentlich alles, was er brauchte.

Und nun Anfang der Siebziger, er war inzwischen schon über sechzig Jahre alt, bekam er also sogar eine Wohnung. Die allererste eigene. Sie war nicht unbedingt groß, zwanzig Quadratmeter mit Bad und Küche, aber ein Zeichenblock, ein Stift und der Zeichner selbst passten hinein. Und vor seinem Fenster lag übersichtlich ausgebreitet das lebenslang einzige Modell Egmont Schaefers: die Stadt. Sie war seine Verführerin. Im Grunde hat er nie eine andere Frau gezeichnet. Denn auch die schönen Nackten der frühen Jahre waren vor allem eins: aus Berlin.

Die DDR hat bald gemerkt, dass sie auf den Bildern des Zeichners nicht vorkam. Sie hat ihm das übel genommen. Walter Ulbricht vermutete, so einer wolle sich über die werktätige Klasse lustig machen, aber das stimmte nicht. Schaefer hat die werktätige Klasse ja nie gezeichnet. Nur immer wieder Straßen, Paare und Passanten. Mit einer seltsamen, skurrilen Zärtlichkeit. Mit Egmont-Schaefer-Witz. Und sehr viele Autos hat er porträtiert. Schaefer war der Zeichner der großstädtischen Mobilität. Darum hat er die Stadt vorsichtshalber nie verlassen. Denn eine gute Voraussetzung, die Mobilität sorgfältig zu studieren, ist absolute Immobilität. Der berühmte Emil Orlik hatte einst seinem begabten Studenten ein Reisestipendium nach Hamburg gegeben. Schaefer nahm es, Hamburg hat er nie gesehen.

Nur zweimal ist Egmont Schaefer seinem Lebensprinzip – Bleib um Gottes willen in Berlin! – untreu geworden sein. Das erste Mal setzte er sich vorwitzig in einen Zug nach Potsdam. Der Zug entgleiste. Das zweite Mal entfernte sich Egmont Schaefer wirklich von der Stadt. Die Schulfreundin Hildegard Groß hatte ihn unmittelbar nach dem Krieg überredet, seinen besten Freund in Ludwigslust zu besuchen. Als Egmont Schaefer wieder zurück war, wohnte schon jemand anderes in der großbürgerlichen Wohnung seiner Eltern in Niederschöneweide. Dem russischen Kommandantur war auch aufgefallen, dass das eine sehr schöne Wohnung ist und übernahm gleich alles, was darin war. Nur ein Selbstdarsteller hätte gefragt, ob er wenigstens sein Bett behalten dürfe. Weil Egmont Schaefer aber kein Selbstdarsteller war und außerdem noch einen Stift und Papier in der Tasche hatte, fragte er gar nichts. Da überbrachte Hildegard den Russen die Bettforderung und beschloss endgültig, ihren Schulfreund nie mehr aus den Augen zu lassen. Er hatte es immer schwerer gehabt als sie.

Erst von den Nazi-Behörden hatte Egmont Schaefer erfahren, dass er „Halbjude“ war; sein Vater, der AEG-Ingenieur, hatte ihm nie etwas gesagt. Schaefer wusste nichts über die jüdische Religion, aber er bekam Berufsverbot wie alle „Halbjuden“ und auch kein Kleidergeld. Und kaum dass der Krieg vorüber war, hatte er noch die Wohnung verloren.

Es war eben doch besser, Berlin niemals zu verlassen. In Potsdam allerdings war er öfter, nur eben nicht mit dem Zug oder mit dem Auto. Potsdam gehörte für ihn noch zu Berlin, denn man konnte so gut dahin wandern. Aus der Britzer Straße in Niederschöneweide zu Fuß nach Potsdam, ein schöner kleiner Spaziergang. Hildegard Groß versuchte trotzdem immer wieder, sich davor zu drücken und bevorzugte die kleineren Wanderungen zum Müggelsee, da konnte Schaefer sie auf halber Strecke in Oberschöneweide abholen. Vielleicht gibt es so viele Autos auf den Egmont-Schaefer-Zeichnungen, weil sein Vater AEG-Elektromotoren konstruiert hatte. Aber man muss schon wie er kompromissloser Fußgänger sein, um das Wesen eines Autos wirklich zu begreifen.

Seit über dreißig Jahren saß er am Schreibtisch am Fenster seines Hochhauses, unter sich die Liebe seines Lebens, Berlin. Der Verband Bildender Künstler nahm ihn wieder auf. Schaefer hat viele Avantgarden kommen und gehen sehen und blieb seine eigene. Er konnte bei den Avantgardismen ohnehin nicht mitmachen, weil er keinen Einfluss hatte auf das, was er zeichnete. Er setzte die Feder aufs Papier, machte einen Punkt, und dann tat seine Hand, was sie wollte. Schaefer schaute interessiert zu. Wenn man ihn mit einem anderen großen Berlin-Zeichner vergleicht, wird seine Galeristin immer ein bißchen böse: Zille? Aber Schaefer ist doch viel hintersinniger, künstlerisch viel überhöhter!

1999 hat Egmont Schaefer seine letzte Zeichnung gemacht. Die Augen wurden zu schlecht. Aber sonst, sagten ihm die Ärzte, hätten sie selten einen so gesunden Menschen gesehen wie ihn. Da war er schon über neunzig Jahre alt und rauchte wie immer zwanzig Zigarillos am Tag. In den letzten drei Jahren hat der Zeichner seine Türmer-Wohnung im vierzehnten Stock nicht mehr verlassen. Nur zur Eröffnung seiner Ausstellungen ging er am Arm der Galeristin, die Schulfreundin Hildegard neben sich. Aber fast jede Nacht wanderte er im Traum durch die Stadt, die alten Wege, bis nach Potsdam. Hast du von Berlin geträumt, fragte die Galeristin ihren Zeichner am Morgen seines Todestages. Nein, hatte er nicht. Zum ersten Mal.

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