Wirtschaft : Geb. 1911

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Liebe, Leidenschaft – das waren Erinnerungen an ein anderes Leben.

Wie viele Witwen gab es damals, nach dem Krieg? In Deutschland, Russland, Frankreich, in Amerika, in Japan, in Dutzenden Ländern? Marie-Luise von Thadden teilte ihr Schicksal mit Millionen anderer Frauen. Eine kurze Ehe, dann der Krieg. Flucht, Vertreibung, Tod des Mannes.

Hätte sie es ahnen können, als sie heiratete? Oberleutnant Henning von Thadden stammte aus einer weit verzweigten Adelsfamilie, deren unterschiedliche Linien sich durch couragierte Frömmigkeit ebenso wie durch militärischen Mut und blinden Gehorsam hervorgetan hatten. Eberhard von Thadden assistierte Eichmann bei der Deportation der ungarischen Juden; Adolf von Thadden war Mitbegründer der NPD. Elisabeth von Thadden, eine bedeutende Pädagogin und Schulgründerin starb im Widerstand; Reinold von Thadden-Trieglaff begründete die Kirchentagsbewegung.

Als Marie-Luise Neutze im Juli 1931 in die Familie von Thadden einheiratete, war sie 18 Jahre. Ihr Vater war als Freiwilliger bereits in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges gefallen. Im Jahr darauf starb die Mutter. Die vierjährige Waise kam zu den wohlhabenden Großeltern, die sie standesgemäß als höhere Tochter erziehen ließen. Und dann verliebte sie sich, kaum dass sie die Schule verlassen hatte. Verliebte sich in einen Zivilisten, nicht in einen Offizier. Dass er einer war, erfuhr sie erst später. Verliebte sich in einen älteren Mann, der ihr imponierte und dem sie zu imponieren verstand, denn sie war es, die um seine Hand anhielt. Sie brachte zwei Söhne zur Welt, später eine Tochter; sie liebte ihren Mann, war stolz auf seine Karriere.

Dann der Überfall auf Polen, der Feldzug gegen Frankreich, gegen Russland. Dietrich von Thadden wurde schnell befördert, befehligte in Stellvertretung eine Armee, tat dies jedoch nicht vollends im halsbrecherischen Sinn der obersten Heeresleitung, wurde zurückbeordert, strafversetzt. Gelegenheit, den Krieg fernab der Kämpfe zu überstehen; aber immer wieder bat er um „Verwendung“.

Als die Niederlage absehbar war, und er bereits den Verwandten riet, Treckwagen für die Flucht zu bauen, haben sie sich noch einmal gesehen, auf einem Gut in Mecklenburg. Sie schlossen sich ein, für Stunden und Tage, waren für niemanden zu sprechen, selbst für die Kinder nicht. Worüber haben sie gesprochen? Über den Krieg, über die Zeit danach?

Im August 1945 erreichte Marie-Luise von Thadden die Nachricht, dass ihr Mann in einem Feldlazarett in Dänemark gestorben war. Sie selbst war da mit ihren Kindern in Schleswig-Holstein. Von nun an waren sie Flüchtlinge im eigenen Land, ungeliebt, angefeindet, zu fünft in zwei kleinen Zimmern. Vier Jahre später gelangten sie nach Berlin, wo der Neuanfang einfacher schien.

Wie viele Witwen wurden damals, in den Tagen des Schwarzmarktes und der Anarchie, um den Rest ihres Vermögens gebracht? Marie-Luise von Thadden verlor das Elternhaus, den gesamten Grundbesitz der Familie, musste ihren Schmuck in den eilig errichteten Juweliersbuden auf dem Kurfürstendamm verkaufen. Erst zehn Jahre nach dem Krieg begann die Bundesrepublik mit den Pensionszahlungen, die Zukunft schien endlich gesichert. An Heirat dachte die Witwe nicht mehr. Das hätten wohl auch die Kinder nicht zugelassen.

Damals, in den fünfziger Jahren, gab es in Berlin einen Maler ns Kellerhals, der ein Geschäft damit machte, die siegreichen amerikanischen Offiziere und die toten deutschen nach Fotografien zu malen. Ein solches Bild des Ehemanns hing über dem schweren Büfett, das den Krieg überstanden hatte, links und rechts Kerzenlampen.

Marie-Luise von Thadden war nicht unglücklich. Zumindest redete sie nie darüber. Auch darin ähnelte sie den Frauen, die noch Schlimmeres im Krieg erlitten hatten. Liebe, Leidenschaft, das waren Erinnerungen an ein anderes Leben. Das jetzige gehörte den Kindern, den Enkeln, in deren Erziehung sie sich, wenn es ihr wichtig schien, durchaus einmischte, auf liebevolle Weise, denn noch immer, bis ins hohe Alter, verstand sie sich als Hüterin der Familie.

Marie-Luise von Thadden ging abends nie allein aus, aber tagsüber hatte sie ihre festen Spaziergänge; und sie war bekannt in Dahlem, ihrem Wohnquartier seit Kindertagen. In den Geschäften, die sie regelmäßig aufsuchte, wurde ihr, als sie gebrechlich war, ein Stuhl hingestellt; sie wurde gegrüßt, hofiert und natürlich auch in Dahlem begraben. Nicht an der Seite ihres Mannes. Der liegt auf einem kleinen Friedhof in Dänemark, außerhalb der Friedhofsmauern, dort wo für die auf der Flucht gestorbenen Deutschen ein kleines Geviert abgezweigt wurde. Drei Namen auf jedem Grabstein, auch auf dem von Thaddens: Der Generalleutnant neben dem Unteroffizier und dem Gefreiten. Marie-Luise von Thadden hat dieses Grab nach dem Krieg nur einmal besucht, gemeinsam mit ihren Söhnen und dann nie wieder. Gregor Eisenhauer

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