Wirtschaft : Geb. 1911

Erwin Colberg

Kirsten Wenzel

Ein Klassenkämpfer war er mal, mit Ruder in der Hand. Aber die Politik, die macht ja doch mit einem, was sie will.

Sie hießen August Bebel und Karl Marx und plätscherten friedlich im Wasser. Bis zu der Nacht, als sie eilig einen neuen Anstrich bekamen und neu getauft wurden, politisch neutral auf Brandenburg und Spreeschwalbe, Bootsnamen eben. Die Jungs vom Ruderverein R.V. Collegia hatten den Tipp bekommen, dass am nächsten Tag Besuch ins Haus stand. Der Rat kam vom Nachbarverein, auch wenn die eigentlich den Nazis nahe standen, ein Ruderer lässt den anderen nun mal nicht ins Wasser plumpsen.

So ging es noch mal glimpflich aus im Arbeitersportverein Collegia, in dem der Drucker Erwin Colberg, der Stehkragenproletarier, wie sie ihn nannten, seit Jahren solidarisch in der Mannschaft über Havel und Müggelsee seine Runden zog. „Frisch – frei – stark und treu“ war ihr Motto, und in dem Sport sahen sie, die schlanken, muskulösen Männer weit mehr als nur Leibesertüchtigung. Stolz recken sie auf den Fotos die Ruder in die Luft, echte Klassenkämpfer.

In dem Verein in Gatow hatte Erwin Colberg auch Alice kennen gelernt. Aber zuerst einmal waren da die Nazis, vor denen sich der Vater seiner Braut eine Weile verstecken musste, noch so ein Sozialdemokrat. Er war Betreiber eines Lebensmittelladens und Mitglied der Konsum-Genossenschaft.

Die Politik, sie macht ja doch mit einem, was sie will, so schloss Colberg aus den Ereignissen, sie schubste die Schicksale nach rechts und links, wie es ihr gerade einfiel. Wie ein Hase auf der Jagd fühlte er sich im Krieg – das hat Erwin Colberg seinem Sohn später erzählt. Erst an der West- dann an der Ostfront, wo man ihn, der als Funk- und Fernmeldetechniker ausgebildet war, hingeschickt hatte, damit er Kabel und Leitungen verlegte, Funkstationen reparierte. Während die anderen schossen, sprang er hin und her und wich dem Kugelhagel aus. Zu Hause wartete Alice auf ihn, 1939 hatten sie geheiratet, 1941 brachte sie einen Sohn zur Welt.

Colberg glaubte damals noch, die Deutschen könnten gewinnen. Einen Orden aus der Kriegszeit hat er aufgehoben, von der Ostfront, mittlerer Abschnitt. Eine winzige Kupferplatte im Pergamenttütchen, „Gefrierfleischorden“ sagte er dazu und verzog verächtlich das Gesicht, die Geschichten dazu ersparte er seiner Familie. Die war vor den Bombenangriffen nach Schlesien geflohen, und als die Russen 1945 immer weiter vorrückten, da konnte Colberg in Ratibor anrufen und die Seinen warnen. Glück im Unglück. So wie er es selbst hatte, als er kurz vor Kriegsende von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein verlegt wurde und so in die Gewalt der Engländer geriet, und nicht in die der Russen. Noch 1945 konnte er aus dem Lager fliehen, verbrannte seinen Armeeausweis, verkleidete sich als Handwerker mit Blaumann und Leiter und schlug sich Richtung Osten durch, nach Berlin, zu seiner Familie.

Seine Alice hatte einen Riss in der Lunge, seit der Geburt des Sohnes. Bis in die fünfziger Jahre zitterte er um sie. Aus dem Laden des Vaters kam, so oft es ging, auch in den Hungerjahren eine Extraportion Margarine, damit sie wieder zu Kräften kam. Colberg wurde Kaufmann bei der Bewag, bei der er vor dem Krieg als Drucker gearbeitet hatte. Er war jetzt Angestellter und kein Arbeiter mehr. Kaufte mit etwas Erspartem und ein paar Stoffballen ein Grundstück in der Mark bei Beelitz, ein Glücksfall, dachte er und baute eine kleine Hütte aus dunklem Holz darauf. Die Kiefern auf seinem Land waren damals, 1947, noch winzige Setzlinge, Colberg plante jetzt für ein ganzes Leben, endlich Eigentum, ganz ohne Politik.

Er entfernte das Heidekraut mit der Hand, baute einen Zaun, ackerte jedes Wochenende. Und dann kam sie wieder, die launische Mamsell, die Politik. Ab 1953 durften die West-Berliner nicht mehr ins Umland fahren, erst strich die Reichsbahn in der DDR alle Verbindungen, dann hieß es: Enteignung, Zwangsverwaltung, und weg war der Traum vom eigenen Häuschen. Keine Frage, andere traf es noch viel härter, aber auch wenn jetzt viele ruhige Jahre folgten, Reisen mit seiner Alice nach Rhodos und Capri, der Sohn studierte und in gute Stellung kam – ein wenig verärgert durfte er doch sein, wenn er die Morgenzeitung kommentierte.

Noch als Pensionär saß Colberg mit den alten Freunden vom Arbeitersportverein im Schrebergarten und schimpfte leise auf die Politik, die ihm wie zum Scherz 1992 sein Grundstück wiederbescherte, mit einer vergammelten DDR-Datsche drauf. Sie hat mir mein Lebensziel versaut, sagte er, der inzwischen über 80 war, mein Traum vom eigenen Haus. Er schenkte das Grundstück gleich seinem Sohn, achselzuckend. Und freute sich doch, als der Bürgermeister des Bezirks 1999 zur Diamantenen Hochzeit zum Gratulieren kam. Ein paar warme Worte, ein Händedruck von einem Politiker – solchen hatte er das lange Glück der Zweisamkeit mit seiner Alice zwar nicht zu verdanken. Aber schaden konnten sie auch nicht mehr.

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