Wirtschaft : Geb. 1912

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Zum Einkaufen ließ sie sich vom Chauffeur kutschieren. Als sie heiraten wollte, glaubte ihr Onkel sich verhört zu haben.

Bis sein Tod sie scheidet. So lange sollte Herta Chojnacki bei ihrem Onkel bleiben, als Haushälterin und Gesellschaftsdame des Jesuitenpaters. Das hatten Hertas Eltern und der Professor so abgemacht. Herta war damals Anfang zwanzig. Sie fügte sich.

Hätte man Herta Chojnacki wachsen lassen, ihr Temperament nicht gestutzt, wäre sie vermutlich zu einem wilden Kraut emporgeschossen, mit grellen Blüten und scharfen Stacheln. Herta, die das Schöne, das Mondäne liebte. Die mit dem Ballett anfing, weil das elegante Reklameschild der Schule sie verzauberte. Herta, die auf dem Weg zur Lehre noch schnell die grobe Unterwäsche unter der Treppe des Elternhauses gegen ein spitzenbesetztes Nichts tauschte. Herta, die sich von Max, ihrem jüdischen Freund, ins Hotel Adlon führen ließ, früh selbst einen Führerschein machte und später als Sekretärin beim Film mit Stars und Sternchen verkehrte.

Wildwuchs, müssen ihre Eltern, gläubige Katholiken, gedacht haben. Das Angebot des Jesuitenpaters kam ihnen deshalb gerade recht, außerdem: Gesellschaftsdame beim Herrn Professor – das war doch was! Tatsächlich lebte Herta nicht gerade schlecht in der Hermsdorfer Villa, mit Chauffeur und Köchin. Kündigte ihr Onkel Besuch an, aus Kirche, Wissenschaft oder Politik, ließ sich Herta zum Einkauf in die Stadt kutschieren. Kaufte kubanische Zigarren, edlen Wein, Pasteten und Käse. Der Jesuitenpater suchte als Gastgeber seinesgleichen.

Und er erwies sich als ein spendabler Dienstherr. Geld spielte keine Rolle, wenn die Nichte loszog, um ihre Garderobe aufzurüsten. Egal, ob ein neues Kostüm, Mantel, Hut, Schmuck oder Schuhe – nur das letzte Wort behielt sich der Jesuitenpater vor. Was der Professor am Abend für unschicklich befand, schickte Herta am nächsten Tag zurück. Zuweilen bäumte sich die junge Frau auf. Einmal verzichtete sie auf die modische Absolution und trat am nächsten Morgen mit üppigen Ferdern am Hut in die Messe. „Die Mode mancher Frauen ufert heutzutage aus!", donnerte da der Onkel von der Kanzel herab. Jeder in der Gemeinde wusste, wer gemeint war. Herta trug den Hut nie wieder.

Die Pflanze wurde kultiviert. Wenn der Professor seine Vorlesungen ausarbeitete, stickte seine Nichte still im Hintergrund. Auf den Empfängen schritt sie einen halben Meter hinter ihm. Sie bereitete das Frühstück, brachte die Brühe vorm täglichen Mittagsschlaf. Als ein junger Professor Gefallen an dem zierlichen Geschöpf mit den Trippelschritten fand, traf sich Herta heimlich mit dem Verehrer. Dann kam der Antrag, und Herta sagte ja. Doch als sie ihrem Onkel von den Heiratsplänen erzählte, schaute der Pater vom Buch kaum auf. „Das will ich doch überhört haben", sagte er leise. Die Eltern protestierten lauter: das Versprechen! Herta fügte sich, sie blieb.

Die Jahre zogen vorbei, Herta Chojnacki nahm es wie es kam. „So war’s damals halt“, sagte sie. Als Felix, der Messdiener, in ihr Leben trat, war sie Mitte vierzig. Er ging nicht als Schönheit durch, war etwas untersetzt, aber Herta genoss die besonnene Art des Architekten. Bald wartete er täglich im Wald, wenn Herta Chojnacki kam, um Bommel, den Scotchterrier des Professors, auszuführen. Als der Onkel bettlägrig wurde, pflegte die Nichte ihn. Als er starb, flog sie Felix, dem strengen Katholiken, nicht in die Arme. Das Paar wartete ein Jahr, aus Anstand.

Mit 50 heiratete Herta Chojnacki und entdeckte in der ersten Nacht, dass ihr Mann nicht nur ruhig, sondern auch sehr verschwiegen war. Er konnte die Ehe nicht vollziehen, hatte seine Kriegsverletzung aber nie erwähnt. „Das mir das auch noch passieren muss“, dachte sich Herta Chojnacki – und blieb. Sie lebte mit Felix und den zwei Hunden zurückgezogen, ging spazieren, stickte, las Kriminalromane. Als ihre Schwägerin an Krebs erkrankte, nahm das Paar sie zu sich. Herta Chojnacki fütterte, windelte, säuberte, pflegte die Frau bis zum Tode. Dann erwischte der Krebs ihren Mann, auch er starb zu Hause.

Herta Chojnacki ließ sich nie völlig stutzen. Stets schwarz und elegant gekleidet, kaufte sie weiter ihre Pasteten und Petits Fours im Kadewe, den Aperitif im Feinkostladen. Tütenweise schleppte sie mit ihrer besten Freundin die Torten nach Hause, um den Postboten, die Nachbarn und Müllmänner zu versorgen. Herta Chojnacki grämte sich nicht, manchmal sagte sie nur lächelnd: „Ich war schon ein Dummchen damals.“ Katja Füchsel

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