Wirtschaft : Geb. 1913

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Ihre Maßstäbe waren spezielle: „Ich bin einen halben Zentimeter größer als Prinzessin Margaret.“

Gerta Paatsch war überzeugt davon, etwas Besonderes zu sein. „Ich habe ein Hohenzollerngesicht“, sagte sie und glaubte, dass man den dazugehörigen Seitensprung in der Familie schon fände, wenn man nur lange genug suchte. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin, und sie erwartete ein Leben, das dazu passte.

Ihre Eltern förderten diesen Gedanken und lebten Haltung vor. Der Vater ein preußischer Beamter, trug beim Dienst als Lokomotivführer weiße Handschuhe. Stolz erzählte Gerta Paatsch, dass er mit seinem Zug auch den Kaiser chauffiert habe.

Gerta, das fünfte Kind der Familie, wurde auf Händen getragen. Schon früh nahm die größere Schwester sie mit zum Tanztee ins Adlon. Sie kannte die feinsten Läden Berlins.

Nach ihrer Schulzeit in Wilmersdorf – „Ich war mit der Mutter von Soraya in einer Klasse“ – hatte Gerta sich auf eine ganz und gar weibliche Karriere eingestimmt. Sie war schön und charmant, niemand, zumindest kein Mann mochte ihr einen Wunsch verweigern. Klein, wie sie war, wirkte sie auch noch schutzbedürftig – „Ich bin einen halben Zentimeter größer als Prinzessin Margaret.“

In den dreißiger Jahren lernte Gerta, einen jungen Mann kennen, für den viele Mädchen schwärmten: Gerhard Paatsch. Als einer der ersten Berliner kurvte er mit einem Sportwagen durch die Straßen. Die beiden heirateten, Gerta war am Ziel. Sie organisierte nun eine große Wohnung mit Personal am Lietzensee und gab, wie sie es nannte, Gesellschaften.

Gerhard Paatsch flog als Kurier während des Krieges nach Afrika und quer durch Europa – und so herrschte im Paatschen Haushalt kein Mangel. Viele Berliner konnten sich kaum noch an den Geschmack von Kaffeebohnen erinnern, bei Paatschs gehörte Kaffee zum Alltag. Gerta Paatsch veranstaltete rauschende Feste, servierte den Gästen die feinsten Köstlichkeiten. Viele, die sich ins Gästebuch eintrugen, machten später noch von sich reden. Beate Uhse zum Beispiel: „Herzlichen Dank für den netten Abend und die Nacht auf der prima Couch!“

Der Mann im Krieg, die Frau mit den beiden Kindern daheim: Noch vor Kriegsende war die Ehe am Ende. 1945 ließen sich Gerta und Gerhard Paatsch scheiden. Dies und schließlich die Währungsreform machten aus Gerta Paatsch eine mittellose Frau. Wie selbstverständlich wartete sie auf die Rettung – und musste schließlich ihre Wohnung aufgeben. Das Inventar wurde versteigert. Auf den wöchentlichen Friseurbesuch und das Telefon mochte sie aber weiterhin nicht verzichten. „Ihre finanzielle Misere wollte sie nicht zur Schau stellen. Lieber sparte sie am Essen“, sagt die Schwiegertochter.

Schließlich kam es ganz schlimm: Die Unterhaltszahlung des Mannes reichte nicht, Gerta Paatsch musste den Lebensunterhalt selbst verdienen. Inzwischen schon Mitte 40 machte sie eine Ausbildung zur Kosmetikerin und arbeitete schließlich als Repräsentantin eines Kosmetikherstellers.

Als der jüngere Sohn ein Bestattungsunternehmen hatte und gut verdiente, war er es, der Gerta Paatsch alle Wünsche erfüllte. Gemeinsam bauten sie sich einen neuen Bekanntenkreis auf. Sie empfing wieder Gäste, verbrachte viele Stunden im Tennisklub, besuchte in eleganten Kleidern die großen Bälle der Stadt, ließ sich im Jaguar durch die Stadt chauffieren und war glücklich. Sie ging ins Kino, in die Oper, kannte jede neue Musicalaufführung. Dabei musste sie sich nie selbst an einer Kasse anstellen oder einen Extraweg machen. Andere taten der charmanten Frau den Gefallen.

Mitte der neunziger Jahre starben ihre beiden Söhne. Ihre Verzweiflung trug sie mit preußischer Disziplin und Würde.

Da sie das Bestattungsunternehmen geerbt hatte, konnte sie ihren Lebensstil weiterführen. Und bis zum Schluss hatte sie Menschen, die ihr beistanden. Bei ihrer Trauerfeier gestand der Pfarrer, auch er habe für sie einmal eine Rose stibitzt. Ursula Engel

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