Wirtschaft : Geb. 1913

Elli Mischau

Stephan Reisner

Die Kinder fanden in ihrem Nachlass Karten für ein Callas-Konzert. Sie hatte es 1959 nicht geschafft hineinzugehen.

Ihr Leben, das war vor allem ein Leben für die Familie. Ein Leben fürs Geschäft. Da stellten sie Wurst und andere Fleischwaren her und verkauften sie, Berliner Jagdwurst, Schlesische Weißwurst oder die nach eigenem Familienrezept geräucherte „Spandauer Dunkle Perle“, ein herzhafter Schinken mit Wacholdergeschmack. Elli Mischau lebte für die Firma Mischau.

Als junge Frau aus Falkenberg an der Schwarzen Elster lernte sie den sechs Jahre älteren Fleischergesellen Richard Mischau aus Breslau, Schlesien kennen. Sie mochte es, wie der junge Mann, der im Beruf das Hackbeil schwang, die Geige spielte. 1936 feierten sie Hochzeit und tanzten viel. Kurz darauf bestand der Gatte seine Meisterprüfung und öffnete sein kleines Fleischereigeschäft in Breslau. Vorne der Verkaufsraum und hinten die kalte, gekachelte Produktion. Was für eine Knochenarbeit, die Rinder- und Schweinehälften über der Schulter dort hinter zu schleppen. Richard Mischau wartete mit den Messern und dem Kutter, einer Art Mixer zur Verarbeitung von Fleischstücken und Gewürzmischungen zur Wurstmasse.

Dann der Krieg. Elli floh mit ihren zwei kleinen Söhnen und musste das Geschäft zurücklassen. Ihr Mann war in russische Gefangenschaft geraten und hatte Handelsgeschick bewiesen: Mit seiner teuren Uhr konnte er sich freikaufen. 1947 kam das dritte Kind zur Welt, eine Tochter. Die Familie war komplett, doch das Zuhause in Breslau längst dahin.

Die Mischaus landeten in Berlin, wo der Vater einen Job in der Dosenfabrik bekam. Doch er wollte wieder seinen eigenen Laden haben. Elli war sich nicht sicher, die Mutterrolle gefiel ihr, und sie wusste, was auf sie zukommen würde. Früh aufstehen, viele Stunden im Geschäft, nebenbei noch der Haushalt. Der Vater aber brachte bald den Pachtvertrag mit. „R. Mischau“ hieß der neue, 30 Quadratmeter kleine Laden in der Pichelsdorfer Strasse.

Die Preise waren niedrig, die Kunden standen Schlange. Elli hatte gut kalkuliert, und die Rezepte ihres Mannes trafen den Geschmack der Spandauer. Mitarbeiter wurden angestellt, die Söhne standen nach der Schule hinter der Theke. Logisch, dass sie auch Fleischer werden sollten.

Jahresumsätze in Millionenhöhe, doch kaum eine freie Stunde. Wenn die anderen Weihnachten feierten, ging die Arbeit für die Mischaus richtig los. Die Firma wuchs, doch das Geld floss immer wieder ins Geschäft. Ab und zu ein Besuch in der Oper, ein paar neue Schallplatten für die Musikbox im Wohnzimmer, ein Pelzmantel und ein bisschen Schmuck für die Mutter, ein 190er Benz für den Vater, das war der Wohlstand. Urlaub gab es nicht. Nach Elli Mischaus Tod fanden die Kinder Eintrittskarten für ein Maria-Callas-Konzert von 1959. 100 Mark haben die gekostet, jede, und Elli Mischau hatte nicht die Zeit gefunden, das Konzert zu besuchen.

Drei Wochen lang guckte sich Vater Mischau die großen Fleischbetriebe in Chicago und Umgebung an, dann wusste er, was auch in Berlin geschehen musste. Erweiterte Produktionsstrategie, Umzug, dreigeschossige Fabrikationsanlage. Im Keller die Pökelei, im Erdgeschoss 750 Liter fassende Kuttermaschinen, im ersten Stock Räucherei und Heißverarbeitung. Im Vorderhaus waren die Büros und ganz oben, unter dem Flachdach, mit Blick auf die Ruhlebener Kraftwerkstürme, zogen die Mischaus ein. Zwei Wohnungen, eine für die Eltern, eine für die Kinder.

Als der Vater 1972 zusammenbrach, übernahm Elli Mischau gemeinsam mit den Söhnen für einige Jahre die Regie. Nachdem sie sich auch zur Ruhe gesetzt hatte, wohnte sie mit ihrem Mann immer wieder über Monate in Bad Wildbach und ließ, wenn die Fleisch- und Wurstvorräte aufgebraucht waren, neue aus Berlin kommen. Am liebsten mochte sie die schlichte Teewurst.

1990 starb ihr Mann, und Elli Mischau blieb in der Werkswohnung. Sie kannte jeden in der Firma, Pförtner, Fahrer, Fleischermeister, die Anlage am Wiesendamm war ihr Zuhause. Sie kam herunter, hielt ein Schwätzchen hier, wechselte ein paar Sätze dort, dann ging sie wieder zurück in ihre Wohnung unterm Dach. Sonst schwieg sie, sie hatte keine großen Ansprüche ans Leben. Über ihren Gesundheitszustand wussten nur sie und ihre behandelnden Ärzte Bescheid. Elli Mischau wollte niemandem zur Last fallen, sie setzte sich die Zucker-Spritzen selbst. Zum Schluss musste sie aber doch gepflegt werden. Elli Mischau starb in ihrer Wohnung über den Büroräumen der Firma, in die sie 1962 gezogen war. Der erste Tag nach dem Weihnachtsfest war ihr Geburtstag, ein stiller Tag.

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