Wirtschaft : Geb. 1913

Elsa Endruschat

Thomas Loy

Wer kommt schon auf die Idee, dass ein Lebensabschnitt, der sich leidlich gut anfühlt, für ein ganzes Leben reichen muss?

Chronik“ steht in goldenen Lettern auf dem schweren Buchdeckel. Ein mächtiger Titel, kalt und unnahbar. Dahinter lässt sich vieles verbergen, aber auch beschützen. Eigentlich hätte das Buch „Das verlorene Paradies“ heißen müssen, aber dann wäre es möglicherweise ein Politikum geworden. Und das wäre das Schlimmste, was der „Chronik des weiblichen Arbeitsdienstes in Ostpreußen“ hätte passieren können. Schließlich ist es mit dem Arbeitsdienst wie mit den Autobahnen. Eigentlich eine gute Sache, aber nicht unter diesen nationalsozialistischen Umständen. Zur Sicherheit steht nichts Politisches drin, und man ließ die Namen der vielen Autorinnen weg. Vielleicht war Elsa Endruschat eine von ihnen. Sie hat es nie erzählt. Nur das Buch hütete sie wie einen Schatz.

Von 1937 bis 1944 lebte Elsa Endruschat im Lager Willkischken des RADwJ, des Reichsarbeitsdienstes der weiblichen Jugend, in Ostpreußen, Memelland. Es wurden die schönsten Jahre ihres Lebens, aber das konnte sie damals noch nicht wissen. Wer kommt schon auf die Idee, dass ein Lebensabschnitt, der sich leidlich gut anfühlt, für ein ganzes Leben reichen muss? Nicht, dass Elsa Endruschat ihre späteren Tage allein damit verbracht hätte, traurig-versonnen in ihre Vergangenheit hinabzublicken. Ablenkung gibt es in Berlin schließlich genug. Und eine Ostpreußin unternimmt etwas, wenn sie die Schwermut in sich aufsteigen spürt. Höchstens vor dem Fernseher erlaubte sie ein paar Tränen das Herunterkullern: Wenn wieder mal ein Fernsehteam durch das schrecklich schöne Ostpreußen gereist war. Und durch Königsberg, die geschundene Stadt, in der sie 1913 geboren wurde. In solchen Augenblicken half nur Agnes Miegel, die Heimatdichterin, die den Schmerz der Vertriebenen in Worte kleidete: „Und wir letzten treiben heimatlos / Tang nach dem Sturm, Herbstlaub im Wind / Vater, Du weißt, wie einsam wir sind!“

Ein Foto zeigt Elsa Endruschat mit weiter Bluse, korrekt geknöpfter Weste, Schürze über dem schwarzen Rock und Stiefeln vor einer Baracke. Ein starkes, ebenmäßiges Gesicht mit kleinen Augen, die in die Sonne blinzeln. Damals stand sie schon auf eigenen Füßen, hatte eine private Handelsschule absolviert und auf mehreren Rittergütern das Buchungswesen vorangebracht. Aber sie suchte nicht nur Arbeit, sie suchte auch eine Familie. Als uneheliches Kind war sie praktisch ohne Eltern aufgewachsen. Beim Arbeitsdienst fand sie endlich einen Ersatz dafür, die „RAD-Familie“. Elsa Endruschat wurde „Arbeitsmaid“ und stieg bis zur „Arbeitsdienstführerin“ auf. 1944 schied sie mit höchster Belobigung aus – zwecks Heirat mit einem Kunstmaler.

Doch ihr Familiengründungsversuch scheiterte, die Ehe wurde geschieden. Den gemeinsamen Sohn verlor sie später an den Alkohol. Halt gaben ihr nur die Freundinnen von damals, vom Reichsarbeitsdienst. Mit Erdmuthe, Käthchen, Annelore, Lottka, Lilo und Hertel konnte sie ihre geheime Sehnsucht teilen. Die Korrespondenz der Damen, beklebt mit Sternchen und Blumenmotiven, lag sauber abgeheftet in einem Leitz-Ordner. Kam die Rede auf die alte Zeit in Ostpreußen, begann das Schwärmen: die Kameradschaft, die Feste, die Ausflüge, die Landarbeit. Ein unbeschwertes Leben, sogar im Krieg. Es waren gute Erinnerungen aus einer schlechten Zeit. Ein Außenstehender konnte das nur schwer verstehen, also blieb man lieber unter sich.

Elsa Endruschat fuhr nie wieder ins Memelland oder an den samländischen Ostseestrand. Lieber las sie Agnes Miegel, die ihr Emigrantenschicksal teilte. Elsas stilles Leben mündete mit fast 90 Jahren in einen stillen Tod. Die „Chronik“ ist ihr anonymes Vermächtnis.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben