Wirtschaft : Geb. 1913

Margarete Przyborski

Thomas Loy

Kartoffeln schälen bei „Wetten dass..?“ – warum nicht? Mit Madamchen war man ja selten ernst.

Reden über Marrgareete. Norbert freut sich schon, fletscht die Zähne beim Namensprechen. Das war auch so ein Ritual zwischen ihnen. Marrgareete war keine, die man mit Samthandschuhen anfassen musste. Sie mochte das Burschikose, das Bissige. Man könnte sagen, Marrgareete hatte etwas Papageienhaftes. Besonders in der Stimme.

„Norrberrt, du sollst endlich Kaffeetrinken kommen.“ Margaretes Ruf durchfuhr alle Glieder. Norbert kam auch gleich, obwohl er im Haus zu tun hatte. Wenn die Kaffeekanne ausgetrunken war, durfte er wieder gehen. So eine Sitzung konnte schweißtreibend sein, schon weil Margaretes Heizung immer volle Kraft fuhr. Waren die Heizkörper mal kalt, weil die 25-Grad-Marke überschritten war und der Abschaltmechanismus korrekt funktioniert hatte,rief Margarete Norbert an, auch am Sonntagmorgen. „Norrberrt, komm sofort! Die Heizung ist kaputt.“

Margarete war direkt. Wenn sie etwas wollte, blieb es ihrer Umgebung nicht lange verborgen. Bei Bedarf konnte Margarete mit ihrem Krückstock auch gewaltig auf den Tisch hauen. „Jetzt ist hier endlich Ruhe, sonst lernt ihr mich kennen.“ In Windeseile wurde es mucksmäuschenstill.

Margarete Przyborski war die Hauswärtin, eigentlich schon immer. Seit 1959 wohnte sie in der Nithackstraße 13, gleich um die Ecke vom Schloss Charlottenburg. Sie hatte mal den Ruf, eine besonders Schwierige zu sein. Vor allem den Kindern galt Margarete als Feuer sprühender Hausdrachen, als Gewitterhexe mit einem Krückstock als Donnerkeil. Sie duldete keinen Lärm und maßregelte jeden Verstoß gegen die Hausordnung. Wer konnte denn ahnen, dass sie eine panische Angst hatte, etwas falsch zu machen? Dass sie selbst oft genug in diesem Ton herumkommandiert worden war? Dass sie eine war, die selbst nach Liebe suchte? Assi ahnte es.

Assi leitet den Schülerladen im Haus. Margarete, auch „Madamchen“ geheißen, war ihre natürliche Feindin. Madamchen intervenierte sogar bei der Hausverwaltung, den ruhestörenden Schülerladen rauszuschmeißen. Assi, Jahrzehnte jünger als Margarete, entschied sich trotzdem, auf Margarete zuzugehen, „ihr den Hof zu machen“. Der unbeugsame Stolz der alten Frau reizte sie, ihr damenhaftes Auftreten, stets zurechtgemacht und mit Edelmetall behängt. Assi fragte sie auch mal was Persönliches, kümmerte sich, als ihr Arm in Gips lag und gewann langsam ihr Vertrauen. Schließlich wurde sie Margaretes beste Freundin. Dass die Kinder so viel Lärm machten, war irgendwann egal.

Margarete ging bald jeden Morgen in den Schülerladen, tratschte mit der Freundin, half beim Kochen und Aufräumen, feierte die Geburtstage der Kinder. Oder ihre eigenen. Dann saßen die Gäste auf dem Bürgersteig vor dem Laden, aßen Schwarzwälderkirsch, tranken Eckes-Kirschlikör und sangen „Lilli Marleen“. Assi bediente in Kellnerinnengarderobe, so hatte Margarete es gern. Jahrzehntelang hatte sie selbst bedient, als Hausmädchen bei reichen Leuten.

Die Geschichten von früher blieben schemenhaft. Vieles war eher schief gegangen. Der Mann, den sie per Ferntrauung heiratete, wurde im Krieg erschossen. Ihre Eltern und die beiden Brüder lebten auf der anderen Seite der Mauer. Und das Verhältnis zu ihrem Sohn war sehr distanziert. Mit 20 hatte sie ihn bekommen, unehelich. Und sie tat das, was man damals für geboten hielt. Sie gab ihn zu fremden Leuten in Pflege.

Mit Assi konnte Margarete über diese Dinge reden. Sogar über Männergeschichten. Was Männer in Uniform, Soldaten und Polizisten, so anziehend macht. Beim Kartoffelschälen hat man ja viel Zeit und den Mund frei.

Das Handwerk des Kartoffelschälens beherrschte Margarete blind. Einmal setzte sie sich eine Schüssel auf den Kopf und ließ das Messer rasend schnell die Kartoffelhaut aufschlitzen. Die Kinder waren vom Kunststück schwer begeistert. Assi schlug vor, Margarete sofort für „Wetten dass..?“ anzumelden, aber das war natürlich wieder so eine Blödelei. Mit Madamchen war man ja selten ernst. Sie mochte es, geneckt zu werden, und sie lästerte und krittelte auch selber gern. „Dämlich sprechen“, sagt Norbert dazu.

Das ging denn auch im Krankenhaus so. „Sterben is’ nich, Marrgareete. Wenn du morgen nicht die Augen aufmachst, gibt’s Ärger.“ Meistens ging Margarete in den Sommerferien ins Krankenhaus. Dann war der Schülerladen zu, und sie brauchte ja Menschen um sich herum. Vor dem Sterben hatte sie keine Angst. Bei den Kindern war sie für dieses Thema die zuständige Expertin. Um den Tod mal erlebbar zu machen, legte sich Margarete auf eine Matratze, ließ sich zudecken und schloss die Augen. Als seidenes Tuch entfleuchte nun die Seele aus ihrem Körper. Margarete stand wieder auf und erklärte: „Sterben ist gar nicht schlimm.“

War es auch nicht. Margarete stand jedesmal wieder auf, nachdem die Ärzte schon leise säuselnd den Kopf geschüttelt hatten. Einmal war sogar der Pastor umsonst gekommen. Es dauerte eben etwas länger, bis Margaretes Seele bereit war, aus ihrem Körper auszuziehen. Von allein tat sie das nicht. Irgendjemand muss zuletzt so markerschütternd gerufen haben, dass kein Halten mehr war. Eine Papageienstimme von ganz weit oben. „Marrgareete, du sollst endlich Kaffeetrinken kommen.“

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