Wirtschaft : Geb. 1913

Gerd Hartung

Hannelore Hünnebeck

Er war altmodisch: Er ging mit der Mode, er zeichnete Mode. Die Berliner Mode des vergangenen Jahrhunderts.

Sie werden mich gleich erkennen, ich bin recht klein, habe kaum Haare auf dem Kopf und große Ohren“, sagte er bei der Verabredung zur Modenschau. Überpünktlich wie immer war er dann zur Stelle, setzte sich wie immer in die erste Reihe. Für Fotograf und Redakteurin hielt er zwei Plätze frei. Die Mannequins sah er hier vorn am besten und konnte mit flinkem Stift die Eigenheiten der neuen Kollektion festhalten. Gerd Hartung war Grafiker von Beruf, Modegrafiker.

„Unmöglich, diese aufgesetzte Schleife, eine Schleife muss sich aus dem Schnitt des Kleides ergeben, sonst wirkt sie nur albern.“ So etwas flüsterte er der Redakteurin ins Ohr, oder er reichte ihr mit leichtem Grinsen eine Skizze: Eine Zuschauerin, die mit nach innen gestellten Füßen, zu kurzem Rock und zu hoch toupierten Haaren gar keine gute Figur machte.

Gerd Hartung selbst kleidete sich konservativ und korrekt aber nie teuer – „Lebe unter Deinen Verhältnissen, dann hast Du im Überfluss“. Er liebte es, bei C&A auf Schnäppchen-Jagd zu gehen und fand in seiner kleinen Größe oft genug die richtigen Sachen. Zum Beispiel eine anthrazitfarbene Bundfaltenhose, dazu ein dunkelblaues Hemd mit sandfarbenem Halstuch, darüber ein Kaschmir-Jackett, fein gestreift in den Farben von Hose und Hemd. Gerd Hartung ging mit der Mode, zeichnete Mode und duldete milde die fatalsten Modeirrungen: „Modeschaffende verschlucken sich immer mal wieder am Zeitgeist“, sagte er, wenn man Turnschuhe zum Pelz trug oder Giftgrün mit Lila.

„Ich bin ein unverbesserlicher Enthusiast“, da war er sich sicher. Und im selben Atemzug sagte er: „Ich wünsche mir nicht einen Tag meines Lebens zurück, ich hatte keinen schönsten Tag“. Als Gerd Hartung studieren wollte, vereitelte das die Inflation. Und als er jung war, gab es noch keinen bekennenden Bürgermeister, es gab den Paragrafen 175. Das prägt: Bis zuletzt hat er seine Freunde in der Öffentlichkeit mit Sie angesprochen.

Modezeichnungen galten einmal als die schnellste Informationsquelle für Kunden und Presse. Zwar gab es schon die Modefotografie, aber eben nur in Schwarzweiß; und später, als es Farbfotos gab, dauerte die Entwicklung der Filme zu lange, um für die Tagespresse aktuell zu sein. Gerd Hartung wäre zwar gerne Kunstmaler geworden, wählte dann aber den Beruf, mit dem er seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Er arbeitete viel und lebte von wenig und war seit 1934 freiberuflicher Mitarbeiter bei wichtigen Modezeitschriften wie „Die Dame“, „Die neue Linie“, „Die Mode“. Seit 1946 hat er für den Tagesspiegel gezeichnet.

Mit kurzen, schnellen Schritten, leicht nach vorn gebeugt, die Mappe fest unterm Arm, betrat er stets pünktlich die Redaktion, legte seine Zeichnungen vor und manchmal auch Texte, geschrieben auf einer Schreibmaschine mit unsagbar kleinen Schrifttypen, er lobte erschienene Seiten und übte leise Kritik, wenn seine Zeichnungen mal wieder schief gedruckt waren: „Ich habe doch einen dicken Strich unter das Standbein gezogen.“

Gerd Hartung war nicht nur Modezeichner und dann Dozent und Professor – er war auch ein begnadeter Freizeitastrologe. Freunden und Bekannten errechnete er gern und akribisch ihre Jahreshoroskope. Und er liebte das Theater. In beinah jeder Generalprobe der Berliner Bühnen saß er im Dämmerdunkel und zeichnete im Lichtkegel seiner kleinen Taschenlampe. Hier ging es ihm nicht um die Kostüme sondern um die Bewegungen. Ging das Licht wieder an, eilte er nach Hause und sortierte die Bilder in die Theatermappe – ein Buch ist nie daraus geworden.

Seine Zwei-Zimmer-Wohnung befand sich am oberen Ende des Kurfürstendamms, in einem Haus, dessen großbürgerliche Vergangenheit man noch erahnen kann. Inzwischen verraten die mehr als fünfzig Klingelknöpfe das Sammelsurium kleiner, bescheidener Wohnungen. Wenn er Besuch begrüßte, raffte Gerd Hartung mit großer Geste den schweren Vorhang hinter der Wohnungstür weg. An der Tür seines Arbeitszimmers gab es einen großen Spiegel. Nicht etwa um den kleinen Raum künstlich zu vergrößern, nein, in diesem Spiegel stand sich der Zeichner selbst Modell: „Ein armer Modegrafiker kann sich eben kein Modell leisten.“

Die Tischplatte bog sich unter den Büchern und Zeitschriften, die Regale waren übervoll mit Skizzen und Zeichenmappen. Flink griff der Hausherr ein paar Mappen heraus, breitete den Inhalt auf dem schwarzen Steinholzfußboden aus. Und es entstand ein Bild der Berliner Mode, beginnend bei den Arbeiten aus seiner Schulzeit, die zwanziger Jahre, dann Zeichnung um Zeichnung, Skizze um Skizze die Modegeschichte der Stadt im vergangenen Jahrhundert.

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