Wirtschaft : Geb. 1914

Erika Margarete Ladwig

Ursula Engel

Sie führte einen Frisiersalon, und als sie ihn verkaufen konnte, war das eine Befreiung.

Ihre großen, dunklen Augen strahlten, und um den Mund spielte dieses Lächeln, das aussah, als würde es sich jeden Augenblick in ein herzliches Lachen verwandeln. Erika Ladwig, die ihr Leben lang Gretel gerufen wurde, war eine attraktive Frau. Ihren Optimismus und die Lebenslust bewahrte sie sich bis zum Schluss – vielleicht gelang ihr das, weil sie in der Lage war, das Leben zu nehmen, wie es kam. Doch je älter sie wurde, desto mehr lebte sie ihr eigenes Leben. Aber eigentlich waren es ja drei Leben.

Für Erika war eine Frauenkarriere in der zweiten Reihe vorgesehen. Sie heiratete ihre Jugendliebe und bekam zwei Töchter. Stundenweise half sie im Frisiersalon des Vaters aus. Der Bruder sollte den Laden übernehmen, doch bald stellte sich heraus, dass er zu labil war fürs Geschäft und eigentlich auch fürs Leben. So kam die Reihe in den fünfziger Jahren doch noch an Erika. Sie machte die Meisterprüfung, damit der Salon weitergeführt werden konnte.

Ihren Vater hat sie verehrt, gern erzählte sie von dem musikalischen, sprachgewandten Mann. Und davon, dass er einer der ersten in Berlin gewesen sei, der ondulieren konnte. In Paris hatte er das Lockenmachen erlernt. Schauspielerinnen und Frauen aus der gehobenen Gesellschaft saßen dann stundenlang im „Salon Otto Zeiher“. Viele wollten sich mit den über offener Flamme erhitzten gusseisernen Scheren steife Locken brennen lassen.

Erika hatte nicht davon geträumt, Frisörin zu werden. Sie spielte Klavier und Geige in einem Orchester. „Mehr als fürs Haareschneiden interessierte sie sich für die chemischen Prozesse beim Haarefärben“, erzählt ihre älteste Tochter Marianne Ladwig.

1958, kurz nach ihrem 44. Geburtstag, wurde Erika Ladwig dennoch Chefin des Damen- und Herrensalons in der Schöneberger Straße. Dabei war damals längst klar, dass sich die zierliche Frau auch körperlich nicht für den Friseurberuf eignete. Sie litt unter ihren kaputten Füßen und einer Wirbelsäulenverkrümmung. Trotzdem verbrachte sie von nun an die meiste Zeit des Tages im Stehen. Der Rücken tat weh, die Fußballen noch mehr. In den Schuhen hielt sie es nur noch stundenweise aus. Immer wieder ging die Frisörin nach oben in die Wohnung über dem Salon und schlüpfte in andere, vermeintlich bequemere Schuhe. Schließlich musste sie operiert werden. „Das war das einzige Mal, dass sie krank war“, sagt ihre Tochter. „Geklagt hat sie fast nie. Wenn allerdings wenig Kundschaft im Salon war, nutzte sie die Pausen, um sich für einige Minuten hinzulegen.“

Das Leben der Familie spielte sich weitgehend im Salon ab. „Zu Hause gab es selten Besuch. Mutter wollte abends ihre Ruhe haben.“ Tagsüber waren die Kinder bei der Großmutter oder im Laden, häufig machte Marianne auf einem der Ablagetische vor den großen Spiegeln ihre Hausaufgaben. „Ich war gerne dort. Vor allem hoffte ich immer, dass eine der Angestellten mir bei den Aufsätzen helfen würde.“ Dafür musste Marianne hin und wieder als Modell herhalten. „Als meine Mutter 1958 ihren Meister machte, hat sie an mir das Ondulieren geübt“, sagt sie. „Ich musste oft und lange stillsitzen und erschien dann mit Stocklocken in der Schule.“

Bis zu Erika Ladwigs 60. Geburtstag war der Salon das Zentrum ihres Lebens. Dann verkaufte sie den Laden und schnitt von nun an nur noch ihrem Mann die Haare. „Es war für sie wirklich eine Befreiung“, sagt Marianne Ladwig.

Erika Ladwig begann ein zweites Leben, vielleicht ihr eigentliches. Gemeinsam mit ihrem Mann fuhr sie regelmäßig nach Österreich, sie wanderten viel und waren in zahlreichen Vereinen. Es gab kaum unverplante Zeit, und die Musik spielte jetzt wieder eine größere Rolle in Erika Ladwigs Leben: Sie sang mit ihrer zarten, aber klaren Altstimme im Seniorenchor, in einem Orchester spielte sie auch mal die Geige. Zu Hause saß sie oft am Klavier und sang ganz für sich allein.

Als ihr Mann starb, begann Erika Ladwig ihr drittes Leben. Sie tat sich mit dem Mandolinenlehrer der jüngsten Tochter zusammen, und irgendwann entschlossen sie sich, beide über 80 Jahre alt, gemeinsam ins Altersheim zu gehen. Eigentlich wollte dort jeder ein eigenes Zimmer haben, doch das hätten sie sich nicht leisten können. Also rückten sie zusammen und nahmen eben ein gemeinsames. „Meine Mutter hat sogar mit dem Gedanken gespielt noch einmal zu heiraten“, sagt Marianne Ladwig. Für ein viertes Leben hat die Kraft dann aber doch nicht mehr gereicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben