Wirtschaft : Geb. 1914

Fredegar Haertle

Stephan Reisner

Gerade als er den Grenzposten passierte, läutete die Uhr im Umzugskarton.

War es Flucht, war es ein stiller Neubeginn, heraufbeschworen vom ganz normalen Sog des Wohlstands und dem Wunsch nach dem größeren kleinen Glück? Der Krieg war vorbei, Berlin aufgeteilt, noch gab es keine Mauer, man konnte von Westen nach Osten und vom Osten in den Westen. An den Brücken und strategischen Knotenpunkten patrouillierten Streifen, der Schwarzmarkt blühte, überall gab es zu wenig zu essen.

Zu fünft lebten die Haertles in einer Dreizimmer-Wohnung in Oberschöneweide. Ein Schlafzimmer für Fredegar und seine Frau, ein großes Wohnzimmer, das im Winter ungeheizt blieb, weil die Kohlen teuer waren, Bad, Küche und ein kleines Zimmer mit Ofen und Ofenbank, in dem die drei Kinder schliefen.

Fredegar Haertle arbeitete im Westen. Jeden Tag fuhr er rüber nach Kreuzberg in einen kleinen Laden, der Bilderrahmen herstellte. Er kannte sich gut aus mit Zahlen und Bilanzen und wusste, wie man mit Geld umgeht. Seine Frau kümmerte sich um den Haushalt. Alle drei Wochen stieg sie hinunter in die Gemeinschafts-Waschküche. Dort heizte sie den schweren Kessel an und kochte Körbe voll Schmutzwäsche. Sie rieb sie übers Waschbrett, spülte sie mit kaltem Wasser, wrang sie aus und trug sie schließlich zum Aufhängen hoch auf den Dachspeicher. Im Westen, das wusste sie und das wusste Fredegar, hatten die ersten schon Waschmaschinen.

Im Jahr 1957, die Ostmark war längst eingeführt, kam es zu einer plötzlichen Geldtauschaktion des Staates, „Aktion Blitz“. Die Bürger konnten alte gegen neue Scheine tauschen. Wer zu viele besaß, wurde vorsichtig oder verzichtete. Eine Art staatliche Geldabschöpfung. Unvermittelt wurden die Grenzübergänge für ein paar Tage geschlossen. Im Westteil der Stadt saßen die Wechselstuben auf ihrem Geld und konnten nichts unternehmen. Fredegar Haertle musste zur Arbeit und kam an den Übergangsstellen nicht hinüber. Also lief er zum Kanal, zog sich am Ufer aus, packte seine Sachen in einen Beutel und schwamm in den Westen. In der Kreuzberger Oranienstraße, nahe seiner Firma, hatte er ein kleines Zimmer mit Hängeboden gemietet, dort blieb er für die paar Tage und kehrte nach der Sperre wieder heim.

Die Unzufriedenheit wuchs, Pläne wurden geschmiedet. Alle in der Familie wurden eingeweiht, der älteste Sohn, die Schwester, nur der Kleinste erfuhr von nichts. Bei einem Fahrradausflug in den Westen ließ Fredegar heimlich die Luft aus dessen Fahrrad und bedauerte: „Da müssen wir das Rad wohl leider hier lassen!“

Fast an jedem Abend, drei Monate lang, packten die Haertles einen Karton. Es wanderten Kleider aus den Schränken, Geschirr aus dem Buffet und gerahmte Bilder von der Wand – alles, was lose war, verschwand in den Kartons. 70 waren es zum Schluss.

Je einen davon unter den Arm geklemmt, ging es dann mit der S-Bahn bis Jannowitzbrücke. Dort umsteigen in die U-Bahn, achtgeben, dass die Volkspolizisten nicht die gleiche Tür benutzen. In einem der letzten Kartons, die sich später in Fredegars Zimmer im Westen stapelten, lag die gute Uhr, die auf dem Vertiko gestanden hatte. Es muss zur vollen Stunde gewesen sein, als Fredegar die Streife passierte, denn unaufhaltsam und gleichmäßig schlug das Glockenwerk im Karton. Da die Vopos nicht mit läutendem Schmuggelgut rechneten, ließen sie den allmählich Flüchtenden passieren.

Im Westen angelangt, mit allen Sachen bauten sich die Haertles ein neues Leben auf. Sie bezogen ein Reihenhaus in der Finnensiedlung in Lichterfelde Süd, gleich beim Coca-Cola-Werk. Die Amerikaner hatten den Bau der Holzhäuser großzügig unterstützt. Das Wasser kam warm aus der Wand, in der Küche stand eine Waschmaschine. Fredegar Haertle wechselte irgendwann zur Spinnstofffabrik Zehlendorf und arbeitete dort im Einkauf. In Zollfragen konnte ihm niemand das Wasser reichen, er hatte sich intensiv in die Materie eingearbeitet.

Seit demTod der Frau 1984 lebte Fredegar Haertle allein. Es hätte da wohl Bewerberinnen gegeben, aber einer neue Partnerschaft zog er eine gute Freundschaft vor. Besuchten ihn manchmal seine erwachsenen Enkelinnen, ließ er sich gerne einhaken und lud sie ins Restaurant ein. Stolz erzählte er, dass er keinen Tag in seinem Leben arbeitslos war.

Fredegar Haertle starb in einer Kurklinik im Schwarzwald, in den er fast jedes Jahr im Urlaub gefahren war. Man muss gar nicht so weit weg, um es schön zu haben, hatte er immer gesagt.

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