Wirtschaft : Geb. 1914

Rudi Reinhold Krause

Deike Diening

Er war „Hauptbuchhalter Wurst“, und er war „Stadtbilderklärer“. Er vereinte die Gegensätze in sich und war ganz bei sich.

Rudi Krause war einer, der zu jedem Rhythmus einen Tanz kannte. Als man in den Fünfzigern und Sechzigern wieder probierte, wie das ging mit dem Standbein und dem Spielbein, war er regelmäßig in der Tanzschule Kornills an der Frankfurter Allee und lernte dort mit Frau und Freunden, die er im Leben nicht wieder verlieren sollte, die Standardtänze, Rock’n Roll und Twist. Und obwohl er beim Twist nie ganz bis zum Boden kam, machte er doch eine gute Figur.

Sein berufliches Standbein war das Fleischkombinat, dort war er „Hauptbuchhalter Wurst.“ Wenn man mit der S-Bahn vorbeifuhr, konnte man dort, wo heute das Velodrom steht, Schweinehälften an den Rampen hängen sehen. „Die Wurstfabrik“ nannte Rudi Krause seine Firma. Wenn sie in der Tanzschule einen Faschingsball hielten, sich als Urmenschen verkleideten mit falschen Leopardenfellen, dann brachte er die größten Knochen aus dem Kombinat mit.

Am liebsten aber saß er auf der Hollywoodschaukel bei Freunden aus der Tanzschule, drumherum lag der Garten und um den Garten lag die DDR. Häufig brach er dann irgend eine Diskussion vom Zaun. Da forderte er heraus und stritt sich und gewann nicht immer, denn manchmal waren auch die anderen schlau. Was er persönlich von den Dingen hielt, das wusste nachher keiner mehr.

Rudi Krause war im Krieg in russische Gefangenschaft geraten. Später, in der DDR, war er Mitglied der Gesellschaft für deutsch- sowjetische Freundschaft und trat auch in die SED ein. Rudi Krause vereinte in sich Gegensätze, die die Welt gespalten hatten. Es ist, als seien die Gesellschaftssysteme durch ihn hindurchgegangen. Wenn ein neues kam, hat Krause sich nie hart gemacht und in den Weg gestellt. Er horchte auf den neuen Rhythmus und begann, sich zu bewegen.

„Ich habe Glück gehabt“, nannte er das. „Hat er Prinzipien?“, fragten andere und sahen doch, dass Krause eine große Treue ganz eigener Art pflegte. Nie galt sie einem System oder einer politischen Idee, sondern immer den Menschen. Sie hörte auch dann nicht auf, wenn ein neues politisches System die alten Freunde für unmöglich erklärte. Denn wen Krause einmal ins Herz geschlossen hatte, den konnte daraus keiner mehr vertreiben. Und weil er Charme versprühte und zu den Feiern die besten Salate mitbrachte, kamen überall neue Freunde hinzu.

Muss man betonen, dass er ehrgeizig war? Rudi Krause wollte schillern. Er hielt die Reden auf den Festen seiner Freunde, aus den Augen sprang der Übermut und im Nacken saß der Schalk. Hatte er sich mit einem Freund überworfen, machte immer er den ersten Schritt zur Versöhnung. „Der Krause“, so hieß er bei seinen Freunden, die alle immer sehr viel jünger waren als er selbst, „ist eine Erscheinung.“

Wenn das Fleischkombinat sein Standbein war, dann war das Reisen sein Spielbein. Er wanderte mit seiner Frau, arbeitete für das Reisebüro der DDR und kam mit der Transsibirischen Eisenbahn bis nach Wladiwostok. Stellte man ihn vom Dienst frei, führte er Gäste durch Berlin. Rudi Krause war „Stadtbilderklärer“, und er wusste, dass die Staatssicherheit touristisch getarnt in seinen Bussen saß. Als die Mauer längst gefallen war und die Bundesrepublik den neuen Rhythmus vorgab, er war schon pensioniert, da wurde das Reisen zum Standbein und Krause erarbeitete als Stadtführer neue Touren durchs ganze Berlin.

Seine Frau Marie erkrankte indes an Parkinson, da pflegte er sie viele Jahre, in denen sie neben ihm immer kleiner wurde, und dachte nicht daran, sie in ein Heim zu stecken. So wie er alles pflegte, was ihm an Freundschaften lieb und wertvoll war: den Studienkreis, den er „Harmonie“ genannt hatte, die Tanzschulfreunde und zwei Kriegskameraden, von deren Existenz die anderen lange nichts wussten. Rudi Krause gab acht, dass sich die Kreise nicht überschnitten. Er ahnte wohl, dass sie sich nicht verstehen würden.

Auch mal ältere Leute treffen? „Die geben mir nichts“, sagte Krause. Er wollte von den Jüngeren stets alles wissen, brach Diskussionen vom Zaun und feierte mit ihnen bis morgens um drei. Er wurde nicht müde, er brüllte beim Sechstagerennen und ging ins Musical am Potsdamer Platz. Auch zu Hause machte er sich manchmal fein, nur zum Spaß und ganz für sich allein. An solchen Tagen spazierte er im Anzug durch seine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung. So wurde er zwar 88, jedoch nie ein alter Mann.

Eines Morgens verließ er sein Haus, schloss die Tür hinter sich ab und machte sich auf den Weg zum Friedhof Adlershof, zu seiner Frau. Dort fand man ihn in einer Bewusstlosigkeit, aus der er nicht mehr erwachte.

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