Wirtschaft : Geb. 1914

Anne-Lies Hoffmann

Maike Bruhns

Anne-Lies Hoffmann

Gut, Weltrekord, aber trotzdem: Sieben Abzeichen mehr hätten es noch sein können, schimpfte sie oft. Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, die Gesetze der Alliierten… Doch in Berlin waren nach 1945 selbst Sportvereine verboten. Erst 1951 konnte Anne-Lies Hoffmann wieder richtig trainieren. „Wenn eine aus Westdeutschland sie deshalb überholt hätte – schrecklich!“, sagt ihre Tochter. Doch das passierte nicht. Genau 56 Deutsche Sportabzeichen sammelte sie. Mehr hat keine. Der Platz im Guinnessbuch ist Anne-Lies Hoffmann sicher.

Sie fing an mit Ballett, so wollte es die Mutter. Doch viel lieber tobte sich Anne-Lies beim Handball aus. Ihre Prellungen und Zerrungen verschwieg sie, aus Angst, die Mutter könnte ihr den so wenig damenhaften Sport verbieten. Später kam zum Spiel die Leichtathletik dazu, dann die Gymnastik. Beim Tanzen traf Anne-Lies ihren Mann, spätnachts in der Friedrichstraße. Als Erichs Mutter schimpfte, weil er so spät nach Hause kam, war schon alles klar. „Ich habe heute Nacht meine Frau kennen gelernt“, sagte er. Als die beiden heirateten, tobte in Europa schon der Krieg. Im Mai 1945 fiel Erich in der Tschechoslowakei. „Irgendwie war ich nie richtig verheiratet“, sagte Anne-Lies später. Sie war mit ihrem Mann nie zusammengezogen, die Aussteuer blieb in Kisten verpackt.

Oma, Mutter und Tochter – sie rauften sich in der Nachkriegszeit in Wilmersdorf zusammen. Anne-Lies räumte Trümmer und kellnerte beim Engländer, büffelte an der Volkshochschule Vokabeln. Ein Freund aus dem Sportverein besorgte eine Vertretungsstelle als Sekretärin beim Arbeitgeberverband. Da die fröhliche Blonde mit den Grübchen im Büro genauso ehrgeizig war wie auf dem Sportplatz, machten die Funktionäre sie bald zur Chefsekretärin der Sozialkasse des Berliner Baugewerbes. Da blieb sie bis zur Rente.

In einem Sportverein war sie immer. Wurde Gründungsmitglied, Übungsleiterin und Vorsitzende. Anne-Lies fühlte sich wohl als Institution im Berliner Sport, war Frauen- und Gymnastikwartin im Berliner Turnerbund, organisierte Turnfeste und gründete 1976 das Berliner Gymnastik-Forum. Fast 30 Jahre lang gingen die Frauen beim BSV 1892 nicht zur Gymnastik, sondern „zu Anne-Lies zum Training“. Vereinschef Volkmar Scholz erlebte sie schon als Zehnjähriger: „Sie war damals 60 und wirklich cool und drahtig.“

Heiraten wollte Anne-Lies nicht mehr, allein war sie trotzdem nie. „Sie wusste die Männer für sich einzunehmen“, sagt Tochter Gudrun. Hemden bügeln, das war nichts für Anne-Lies. Ausflüge, Theater, Reisen – sie war immer unterwegs. Als aber 1991 „Opi Schulze“, ihr alter Freund aus Spandau, starb, zog es Anne-Lies in Richtung Köln: zu Tochter, Enkelin und Schwiegersohn.

Aber, Mutter ohne Sport? Weitab von Berlin, wo sie keiner kennt? Undenkbar. Tochter Gudrun trieb einen Verein auf und informierte, wer da kommen würde. Als Anne-Lies in Brühl eintraf, stand ein alter Herr, der die Altenturnfeste organisierte, mit Usambaraveilchen vor der Tür – und blieb. Siegfried schimpfte später oft über Anne-Lies, aber nur ganz leise in der Küche. „Siegfried, setz dich durch“, bekam er stets von Tochter und Schwiegersohn zu hören, obwohl die wussten, wie schwierig das war.

Schwierig? Ach, unmöglich! Anne-Lies war streng mit sich und anderen. Mit 77 die 100 Meter noch in 16,05 Sekunden zu laufen – das schafft man nur mit Disziplin. Als sie im Brühler Seniorenhaus einzog, scheuchte sie ihre Mitbewohner aus den Sesseln und verordnete Gymnastik: „Ich kann die Klagen über Krankheiten nicht mehr hören!“Jeden Montag wurde fortan in der Gruppe geturnt, und auch den Rest der Woche hatte Anne-Lies gut organisiert: dienstags war der Brühler Turnverein dran, mittwochs wurde gewandert, donnerstags getanzt, freitags geschwommen, sonntags gewandert.

Dazu kam, wie seit Jahren, das Training für die Sportabzeichen – 60 bis 90 Minuten, jeden Tag. Die vorgegebenen Zeiten für ihre Altersklasse unterbot sie bis zum Schluss. Erst der Schlaganfall vor fünf Jahren beendete ihre Sportlerkarriere. Anne-Lies Hoffmann starb mit 89.

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