Wirtschaft : Geb. 1914

Gerda Linde-Kinne

Marc Neller

Gerda Linde-Kinne

Das Bild der Konfirmandin, ein Schwarzweißfoto auf dickem Papier mit Büttenrand. Gerda Linde steht in der düsteren Kirche. Sie blickt direkt in die Kamera des Fotografen. Ihre Mundwinkel sind leicht nach oben gebogen, aber sie lächelt nicht. „Die nicht dazu gehört – April 1929“ hat sie später mit Bleistift auf die Rückseite des Fotos geschrieben.

Fünf Jahre bevor das Foto aufgenommen wurde, kam sie nach Angermünde. Angermünde. Klein, eng, was noch? Langweilig, ohne Kultur. Gerda führte Selbstgespräche. Mit wem sollte man hier schon über Bücher und Musik reden? Mit den Mädchen aus der Nachbarschaft jedenfalls nicht. Die starrten sie manchmal an, als stimmte etwas mit ihr nicht. Oder sie tuschelten, wenn Gerda auf der Straße an ihnen vorbeiging. „Das ist doch die aus Berlin. Meint, sie wär’ was Besseres.“

Gerda meinte, Berlin sei besser als Angermünde, weil dort Museen sind. Und weil die Frauen ausgefallene enge Kleider tragen, nicht diese biederen, figurlosen aus Baumwolle wie hier. Dass sie das einzige Mädchen auf dem Gymnasium war, ließ sie sich selbst und den Gleichaltrigen nicht weniger fremd erscheinen. Trotzdem, lieber zu den Jungs als auf die Volksschule.

Angermünde. Der Vater, ein Handelskammerinspektor, wurde hierher versetzt. Zehn Jahre später kehrte die Familie nach Berlin zurück. Doch Gerda Linde sollte eine bleiben, die nicht dazu gehört.

Schon gar nicht beim Arbeitsdienst. Statt an der Kunsthochschule zu zeichnen, schälte sie in Bayern ein Jahr lang Kartoffeln. Danach studierte sie, besuchte zwei Meisterklassen. Im vierten Semester riet ihr ein Professor, in die NSDAP einzutreten. Sie sagte Nein, ging ab und arbeitete als Bürohilfe.

Im Juli 1937 heiratete sie Wolfgang Kinne. Weil niemand davon erfahren sollte, blieben beide bei ihren Eltern wohnen und sahen sich nur selten. Seine Mutter war streng katholisch und duldete keine Andersgläubige im Haus. Ihr Vater mochte Wolfgang Kinne nicht. Nach ein paar Wochen erfuhr Albert Linde von der Hochzeit und setzte seine schwangere Tochter vor die Tür.

Die Schwiegermutter besorgte eine Drei- Zimmer-Wohnung in Charlottenburg. Drei Jahre später war die Bleibe zerbombt. Und der Ehemann belieferte in Italien und auf dem Balkan deutsche Frontsoldaten mit Nachschub. Gerda Linde-Kinne zog zu Verwandten nach Cottbus, wieder ganz weit weg. Wenige Wochen vor Kriegsende flüchtete sie mit dem vierjährigen Sohn, der siebenjährigen Tochter und einem braunen Lederkoffer nach Württemberg.

Trossingen war wie Angermünde. Dagegen half ihr nur: lesen. Goethe, Zeitungen, alles, was sie bekommen konnte. Und schreiben. Einen Schrank hat sie hinterlassen, in dem sich die DIN-A6-Kladden türmen. Tagebücher. Gedichte. Und Geschichten, die sie für ihre Kinder geschrieben hat, als es keine Kinderbücher gab.

Je mehr sie las, desto weniger wollte sie dazugehören. Zu einer bestimmten Sorte Deutscher etwa oder zu ihrer Kirche. In die Bücher schrieb sie Kommentare, die sich gelegentlich zu einem eigenen Buch auswuchsen. Sie konnte es aber auch sehr knapp: „Judenhasser“ notierte sie in ihre zerlesene Bibel unter ein Lutherbild. 1954 konvertierte sie, wurde Katholikin. Anfang der Siebzigerjahre segnete ein katholischer Bischof Waffen, während in Irland und im Libanon ehemalige Nachbarn Glaubenskriege gegeneinander führten. Da trat sie aus der Kirche aus.

Ihre Lebenskrise hatte Gerda Linde-Kinne da allmählich hinter sich. 1964 war ihr Mann gestorben und das Leben schien ihr zu entgleiten. Sie musste sich zusammenreißen, ihr zweiter Sohn war damals zehn, sie musste Geld verdienen und sich ablenken. Sie arbeitete als Sekretärin in Anwaltskanzleien, sie besuchte Russisch-Kurse. Dutzendweise lernte sie Puschkin-Gedichte und las die russischen Klassiker noch einmal im Original. Ihr Jüngster schwänzte den Klavierunterricht, also ging sie hin. Die Musik, Kants Philosophie, all die Bücher, die Karikaturen, die sie zeichnete: Das war ihr Trost. Nochmal einen Mann suchen, wozu? Der Schmerz verging, sie hatte ihre Kinder und sah, wie ihre Tochter wurde, was sie sich selbst gewünscht hatte: Lehrerin für Kunst und Sprachen. Kurz vor dem Abitur begannen die wilden Söhne doch noch, ihre Lateinhausaufgaben ohne die Mutter zu übersetzen. Für sie hieß das: Die Kultur siegt, man muss nur warten können.

Aber eine schwere Krankheit macht selbst die Kultur nicht ungeschehen. Gerda Linde-Kinne versuchte es mit Widerstand. „Ich akzeptiere diese Regeln nicht, also bin ich.“ Es ist ihr Ritual. So oft hat sie sich so ihrer selbst vergewissert. Als sie aufs Jungen-Gymnasium wollte. Das Studium aufgab. Heimlich heiratete. Als sie aus der Kirche austrat. Also, wer sagt, dass sie sterben muss? Ihre Tochter fragte sie nach einem Klinik-Aufenthalt, und sie leugnete, im Krankenhaus gewesen zu sein. Die Caritas-Pflegerinnen kamen früh morgens und fragten: „Ist Ihre Tochter nicht da?“ – „Nein.“ Die Tochter kam hinzu. „Natürlich bin ich da. Was erzählst Du denn, Mama?“ Sie wollte ihre Tochter nicht in der Wohnung haben, die Tochter war für sie eine Art Todesengel, weil sie immer öfter ihre Hilfe brauchte.

Wenn man Bilder aus dieser Zeit sieht, kann man kaum glauben, dass sie so resolut sein konnte. Immer lächelt sie ihr leises, vornehmes Lächeln, das die Kinder so lieben.

Wenige Tage vor ihrem Tod ließ Gerda Linde-Kinne die Tochter, die ein Buch geschrieben hatte, wissen, dass sie ihren letzten Widerstand nun aufgegeben habe: „Ich habe die Sterbeszenen in deinem Roman gelesen.“ Das hat ihr geholfen loszulassen.

Die Kinder waren dabei, als es soweit war.

In einer Papiertüte wollte sie begraben werden, mehr nicht. Die Friedhofsverwaltung hat ihrer Urne einen Platz unter einer Christus-Statue aus weißem Marmor zugewiesen.

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