Wirtschaft : Geb. 1915

Erna Virchow

Volker Eckert

Die Kunden guckten ihr manchmal ein bisschen länger in die Augen. Aber sie interessierte das nicht.

Am Sonntagnachmittag ging Erna Virchow manchmal zu Herrn Hoffmann, der wohnte um die Ecke. Das war in den sechziger Jahren in Spandau. Sie war eine Klein-Unternehmerin mit einem Laden für Siedlerbedarf, und er war einer, mit dem sie über anderes reden konnte als über Kartoffeln und Tierfutter. Wenn sie kam, nahm er sein edles Porzellan aus dem Schrank. Dann blätterten sie beim Kaffee in dicken Kunstbüchern und sprachen über ihr Großprojekt: Einmal zusammen nach Rom fahren.

Zum Reisen hatte Erna Virchow nie viel Zeit. Einmal hat sie ihren Bruder für ein Wochenende in Duisburg besucht. Eines der drei Kinder stand dann am Samstag im Geschäft. Das Geschäft musste immer geöffnet sein.

Auch an dem Tag, als ihr Mann starb. Nierensteine, eigentlich eine Routineoperation. Aber dann bekam er einen Blutsturz. Schon auf der Heimfahrt im Taxi hatte Erna Virchow entschieden, alles müsse weitergehen, der Laden, das Abitur der Kinder, ihr Studium. Es war Mai 1963. Zu ihrem Sohn Michael, der neben ihr saß, sagte sie: „Deine Englandfahrt im Sommer machst du!“ Zu Hause angekommen, schloss sie das Geschäft auf und stellte sich hinter die Theke.

Seit acht Jahren gab es den Laden, sie und ihr Mann hatten ihn gemeinsam aufgebaut, die Kinder hatten geholfen. Er war früher Polizist gewesen, aber sie haben ihn entlassen, als herauskam, dass er vorbestraft war. Russische Besatzer hatten ihn nach dem Krieg für einen Tag ins Gefängnis gesteckt, weil er ein Schwein geschlachtet hatte. Dann bot sich die Chance mit dem Siedlerbedarfsgeschäft.

Erna Virchow war bis dahin Hausfrau und Mutter, jetzt war sie plötzlich Verkäuferin für Bohnensamen und Tierfutter. Gleich an ihrem ersten Tag kam ein Kunde, der Weizen angebaut hatte und einen Teil davon verkaufen wollte. Erna Virchow hatte keine Ahnung von Weizen. Sie hätte dem Mann sagen können, er solle am nächsten Tag wieder kommen, wenn ihr Mann da ist. Aber sie kaufte den Weizen. Schlechte Ware, wie sich am Abend herausstellte. Statt darüber zu lachen, ärgerte sie sich, schimpfte den ganzen Abend über den Fehler.

Also lernte sie. Sie hatte vor Jahren manchmal bei den Eltern in der Bäckerei ausgeholfen. Aber das hier war komplizierter als Brötchen verkaufen. Sie schaute ihrem Mann zu, und wusste bald, dass nicht in jedem Futtermittel gleich viel Hafer war, und welche Tiere welches bekamen.

Die Nachkriegszeit war vorbei, die Leute mussten nicht mehr davon leben, was sie hinter dem Haus anbauten. Sie wollten jetzt auch ein bisschen Rasen haben, nicht nur Gemüsebeete und Hühner. Also muss man ihnen jetzt das Obst und Gemüse verkaufen, dachte Erna Virchow. Sie schlug vor, Tomaten, Gurken und Äpfel in die Regale zu nehmen – und die Leute kauften. Der Laden wuchs, auch andere Geschäfte wurden beliefert. Erna Virchow war jetzt für das Sortiment zuständig.

Als der Mann starb, hatten sich die Virchows schon den ersten Firmenlaster geleistet. Das Geschäft ging gut, aber auf Haus und Laden lief noch eine Hypothek. Erna Virchow war auch noch mit 47 eine attraktive Frau, die Kunden guckten ihr manchmal ein bisschen länger in die Augen. Aber sie interessierte das nicht. Da war der Laden, die Kinder. Und die Überzeugung, sie würde nach dem Tod ihrem Mann wieder begegnen. Einmal lernte sie einen Journalisten von der „Nachtdepesche“ kennen. Der Mann kam häufiger. Er brachte Blumen, sie war beeindruckt, wie er sich ausdrücken konnte. Dabei blieb es.

Noch ein paar Jahre lang steckte sie all ihre Kraft in das Geschäft, dann machte sie es zu. Die ersten Baumärkte wurden eröffnet, um da mitzuhalten, hätte Erna Virchow ihren Laden vergrößern müssen. Aber die Kinder hatten nun immer weniger Zeit. Und richtige Angestellte wollte sie nicht haben. Das Angesparte würde fürs Alter reichen.

Auf einmal war Zeit für Kunstbücher und die Zeitung. Oft drückte sie den Kindern Artikel in die Hand: „Lies das mal, was sagst du dazu?“ Jedes Jahr am 1. Mai, wenn das Europakonzert der Berliner Philharmoniker im Fernsehen lief, rief sie ihren Sohn an und vergewisserte sich, dass er es nicht vergessen hatte.

Herr Hoffmann starb, kurz nachdem Erna Virchow den Laden aufgegeben hatte. Die Gespräche mit ihm vermisste sie sehr. Dafür blieben die Kinder in ihrer Nähe. Mit ihrem Schwiegersohn fuhr sie einmal in das Haus, wo sie zur Zeit der Luftangriffe ihre Tochter auf die Welt gebracht hatte, ein Bauernhof in Brandenburg.

Die Reise nach Rom hat sie nie unternommen.

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